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Jesus im Heiligenschein der Streicher

FESTSPIELE / CURRENTZIS / MATTHÄUS-PASSION

20/07/24 Wenn die Festspiele Bewegungen zwischen Himmel und Hölle als Idee der Saison anbieten, dann ist Bachs Matthäuspassion eine logische Eröffnung mit historisch christlicher Dimension. Ihre Umsetzung aus den Händen von Theodor Currentzis provoziert ebenfalls eine Bewegung fort von einer neutralen Mitte in die Randlagen der Interpretation.

Von Erhard Petzel

Der Rahmen des Hauses für Mozart ist da ein Glücksfall für Transparenz aus einem tiefen Klangraum, den der Doppelchor mit den Kindern in der hintersten Bühnenflucht endet und der diese dennoch präsent über das farbenreiche Orchester mit schöner Auswahl unterschiedlicher alter Instrumente hebt. So werden wie selbstverständlich im Eingangschor die folgenden und das Konzert bestimmenden Qualitäten präsentiert.

Klang und Artikulation werden bis in Detail ausgereizt. Als elegante Tupfer setzt der Gegenchor sein Nachfragen, während die Eingangsbetrachtung vom breiten Strom des Orchesters getragen wird und die Kinderstimmen sich als sanfte Brücken einschieben. Zu hoher Textverständlichkeit ergänzen sich Linien und Bewegungen in einem klar nachvollziehbaren Fluss von einzelnen Strömungen der Zuversicht, dass uns „Sünd und Schuld“ abgenommen wurden. Klarheit und Stringenz halten die gesamte Erzählung über den enormen Bogen des riesenhafte Werkes, sodass es durchgehende dramatische Spannung aufbaut und nicht in einzelne formalisierte Episoden zerfällt. Dramaturgisch perfekt dehnt sich der Vorwurf Jesu an den einen, der ihn verraten wird. Dass der Chor der Jünger schier atemlos den Evangelisten unterbricht, ist gängige Praxis. Nicht aber der ebenso ohne Unterbrechung angeschlossene Choral, der aus der gemächlichen Reflexion von außen eine innige Haltung der leisen Seele nach der laut und Entsetzten spiegelnden Frage anschließt, ob man selbst der Verräter sei.

Äußerste Innigkeit ist die Grundhaltung des Chores, wenn auch Blitz und Donner in furioser Macht die harmonische Klage des Solistinnen-Duos zur Gefangennahme Jesu abrupt beendet. Bewegung auch im Raum, wenn die kleinen Rollen von Judas, Petrus, Hohepriester, Mägden und Frau Pilatus aus dem Chorgefüge ausscheren. Sie bilden mit dem Evangelisten die Grenze zum Orchester. Jesus steht links inmitten der Streicher, die ihn in seinen klanglichen Heiligenschein betten, Pilatus entgegnet ihm auf der Gegenseite, der Bass wird aber als Stimmpartner nach Jesu Tod dessen Platz einnehmen für den Grabgesang, korrespondierend mit dem Einsatz der Streicher in einem Orchester, das dramaturgisch die Teilung des Chores widerspiegelt. Die unterschiedlichen instrumentalen Partner positionieren sich zum Wechselspiel mit ihren vokalen Pendants. Der Abschlusschoral saugt dann alle Solisten in den Klangkörper des Chores zum gemeinsamen Wiegenlied auf, die „ausgesognen Glieder“ Jesu so zu besänftigen.

Julian Prégardien ist ein eleganter und empathischer Evangelist, der zur gegebenen Zeit alle Distanz fahren lässt und hemmungslos ob der angeführten Ungeheuerlichkeiten seine Stimme expressiven Belastungen aussetzt. Jesus ist bei Florian Boesch kein harmloser Gutmensch, sondern ein durchaus zorniger Führer mit facettenreichem Timbre. Das kontrastiert Matthias Winckhler mit dem Klang seines souveränen Basses. In dieses agile und stimmgewaltige Ensemble fügen sich nahtlos David Fischer als Tenor und Wiebke Lehmkuhl als Alt. Der erste Einsatz des Counters Andrey Nemzer vermag zu irritieren, bezeichnet der Chor den Alt im Dialog doch als „Schönste unter den Weibern“. Vielleicht ist das ja das so oft eingeforderte politische Signal Currentzis’. Jedenfalls rechtfertigt der Altus seinen Zähren reichen Einsatz mit Arie Nr. 39. Von Tränen erstickt als bevorzugter Stimmgestus liegt dem Sopran Regula Mühlemanns, euphorisches Aufblühen gelingt eher im Duett.

Wenn Currentzis nach dem 1. Teil unprätentiös abgeht, hält die Spannung im Publikum bis zum Einsetzen des Applauses. Wenn er diese am Schluss inszeniert, geht dieser spontane Bezug verloren. Es stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit von Inszenierung, wenn die Qualität der musikalischen Leistung so stark für sich wirkt. Lichtregie bei O Haupt voll Blut und Wunden, zweite Strophe vom Chor hinter der Bühne – äußerste Verinnerlichung oder äußerliche Show? Wenn im Choral nach Jesu Tod sogar eine Glocke eingeführt wird, ist das schon sehr dick aufgetragen. Wer Choräle so dirigiert wie Currentzis, braucht dergleichen nicht. Er kann der puren Wirkung seiner musikalischen Arbeit vertrauen. Die sprach hier für sich.

Bilder: SF / Alexandra Muravyeva

 

 

 

 

 

 

 

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