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Im Dschungelcamp der Psychiatrie

LINZ / DIE PHYSIKER

07/05/24 „Nicht die Katze beißt sich in den eigenen Schwanz, sondern die Schlange. Eine überdimensional falsche Schlange. Sie wird als einziges Ausstattungsstück übrigbleiben von jenem Dschungel-Gewirr, mit dem Ausstatterin Johanna Pfau für Dürrenmatts Komödie Die Physiker die Bühne des Linzer Landestheaters vollgepfropft hat.

Von Reinhard Kriechbaum

Nur im Irrenhaus sind wir noch frei. Nur im Irrenhaus dürfen wir noch denken. In der Freiheit sind unsere Gedanken Sprengstoff.“ Das lässt Dürrenmatt Möbius sagen. Für Tom Kühnel und Jürgen Kuttner sind unsere politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeiten oft Ausgangspunkt für überdrehte Komik, hinter der messerscharfe Beobachtung lauert. Beste Voraussetzung für Die Physiker, die einander und der Psychiaterin, dem „Fräulein Doktor“, wenig glaubwürdige Dinge vorspielen. Echt ist nur das Lampenkabel, mit dem Einstein die ihn exklusiv betreuende Krankenschwester erdrosselt hat. So wie Newton Monate zuvor die Seine. Und auch Möbius wird die ihm allzu nahe kommende gute Fee ins Jenseits befördern. Da sind wir dann live dabei. Das Wort „Mord“ passt natürlich nicht, weil die Protagonisten ja als unzurechnungsfähig gelten. „Unglücksfall“, mahnt die Klinikchefin wieder und wieder ein.

21 Punkte zu den Physikern hat Dürrenmatt seinem aus der Zeit des Kalten Kriegs (Uraufführung 1962) stammenden Stück in der Druckausgabe nachgeschickt. Statement zehn: „Eine solche Geschichte ist zwar grotesk, aber nicht absurd (sinnwidrig).“ Das setzen Tom Kühnel und Jürgen Kuttner um, indem sie die Groteske ausreizen. Gemeinsam mit Joachim Werner am Keyboard entwerfen sie eine überdrehte Musikrevue, längs und quer und kreisum durchs Pop-Schnulzodrom. Was man nicht aussprechen will, soll oder darf, das kann wenigstens gesungen werden oder ironisch im Playback tönen.

ns Agententreiben der drei hinterlistigen Schmierenkomödianten und dem sie überlistenden „Fräulein Doktor“ kommt so manches Text-Apercu hinzu. Aber Dürrenmatts Text bleibt eins zu eins stehen (nur ein paar Randfiguren sind gestrichen). Er darf also seine Aktualität beweisen. In einer Zeit, da künstliche Intelligenz wie ein Damoklesschwert über uns hängt und Wissenschafts-Skepsis zur volksverführenden politischen Agenda geworden ist, taugen Die Physiker allemal als Stück der Stunde.„Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkung alle Menschen“ (Punkt 16) – wie lapidar, und wie wahr.

Dahin ist schließlich alle Dschungel-Vegetation, tot sind die Krankenschwestern, ersetzt durch „männliche Pfleger“ (bei Dürrenmatt), hier: durch einen kleinen Big Brother, einen Pflege-Roboter, der rot und grün blinkt. Da lassen die drei Insaßen der Irrenanstalt ihre Masken fallen. Aus Vorsicht flüsternd verständigen sie sich. Die bizarre Tragikomik wird überhöht, weil es ihnen immer noch schwer fällt, die auf Jahre gut eingeübten Verstellungs-Gewohnheiten abzulegen. Und dann kommt ja noch der Showdown des „Fräulein Doktor“...

Wo anfangen, die hoch perfektionierte und vom Ensemble des Linzer Landestheaters lustvoll ausgespielte Komödiantik zu beschreiben? Bei besagtem Fräulein Doktor vielleicht, der Gunda Schanderer mal eine Anmutung des Charmes von Mireille Mathieu, mal die Strenge der Loriot-Begleiterin Evelyn Hamann gibt. Eva-Maria Aichner hat als gestrenge Oberschwester und als Frau Missonar Lina Rose (Möbius' geschiedene Gattin) lustvoll überdrehte Auftritte. Ein mechanisch-puppenhaftes Wesen gibt Nataya Sam als Krankenschwester Monika. Christian Taubenheim (Newton), Sebastian Hufschmidt (Einstein) und Klaus Müller-Beck (Möbius) sind ein Trio infernal zum Totlachen und Mitweinen. Ein jeder spielt seine Macken aus, und doch sind diese verkappten Wissenschafter als gleichgestimmte, aber ausweglos gefangene Gruppe bloß Grandes guignoles. Ausgegrenzt und sich selbst ausgrenzend.

Sie werden sich Affenmasken überstülpen. Nichts sehen, hören, sprechen? Vor sieben Jahrzehnten war für Dürrenmatt die Sache klar, die ideologische und atomare Welt zweigeteilt in Ost und West. Jetzt ist sie diffuser, aber die Folgen sind dieselben: „Jeder preist mir eine andere Theorie an, doch die Realität, die man mir bietet, ist dieselbe: ein Gefängnis“, befindet Möbius. „Da ziehe ich mein Irrenhaus vor. Es gibt mir wenigstens die Sicherheit, von Politikern nicht ausgenützt zu werden.“ Gilt nach wie vor, so wie Dürrenmatts Thesen 20 und 21: „Wer dem Paradoxen gegenübersteht, setzt sich der Wirklichkeit aus.“ Und: „Die Dramatik kann den Zuschauer überlisten, sich der Wirklichkeit auszusetzen, aber nicht zwingen, ihr standzuhalten oder sie gar zu bewältigen.“ Das Theater von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner ist – wohl ganz in diesem Sinne – wunderbar un-belehrend. Hinterhältig und fintenreich lustvoll.

Aufführungen bis 5. Juli – www.landestheater-linz.at
Bilder: Landestheater Linz / Petra Moser

 

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