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Der Astronom notiert pingelig sein Ende

GRAZ / DIE ENTHAUPTUNG VON JOHANNES DEM TÄUFER

24/05/19 Bononcini. Derer gibt es mehrere. Giovanni Maria, der Vater, war Hofviolinist und Domkapellmeister in Modena. Seine Söhne Giovanni Battista und Antonio Maria hat der künstlerische Weg an den Wiener Kaiserhof von Joseph I. geführt.

Beide „Wiener“ Bononcinis waren Cellisten, und beide haben, quasi aus der zweiten Reihe heraus, nicht wenige Opern geschrieben. In der ersten stand unbestritten Johann Josef Fux, die Latte hing also hoch. In diesem Umfeld muss man Antonio Maria Bononcinis „Enthauptung von Johannes dem Täufer“ (La Decollazione die San Giovanni Battista) verorten, ein Oratorium, wie es damals am Wiener Hof gefragt war.

Sängerbravour war vermutlich ausreichend vorhanden, und Josef I., einer der selbst komponierenden Habsburger, hatte musikalischen Sachverstand. In seinem Umkreis entstanden nicht musikdramatische Werke, mit denen man weite Publikumsschichten hätten begeistern wollen. Es ging um eine gewisse Gelehrsamkeit in Tönen, maßgeschneidert für einen kaiserlichen Musikkenner.

So wenig bekannt Antonio Maria Bononcini (1677-1726) heute ist: Seine Ur-Salome ist in zwei CD-Aufnahmen greifbar und die Noten gibt's als Scan aus der Nationalbibliothek (eine Kopistenhandschrift um 1709) sogar online. Gute Voraussetzungen für eine Aufführung also.

In Graz gibt es seit zwei Saisonen eine sympathische Konzertreihe mit dem Titel „Opernkurzgenuss“, ein Podium für Einakter abseits von „Cavalleria rusticana“ und „I Pagliacci“. Da widmete man sich Menottis reizvoller Heiratsantrags-Miniatur „Das Telefon“ ebenso wie dem ebenfalls fernmündlich geführten, psychodramatischen Ende einer Liebesbeziehung, „La voix humaine“ von Francis Poulenc. Ermanno Wolf-Ferraris No-Smoking-Dramolett „Susannens Geheimnis“ bot Opernkurzgenuss, und auch der Originalklang findet in der Reihe, für die man ausgefallene Spielorte sucht, Platz: Für Claudio Monteverdis szenisch gefasstes „Il combattimento di Tancredi e Clorinda“ ging man in der vergangenen Saison in die Orangerie im Burggarten.

„Die Enthauptung von Johannes dem Täufer“ spielt man nun in der Unterkirche der gründerzeitlich-neogotischen Herz-Jesu-Kirche. Senkrechte Neon-Lichtsäbe grenzen drei kleine Podien ein, machen sie fast zu Gefängnissen. Regisseurin Juana Inés Cano Restrepo (der Kopf hinter der Opernkurzgenuss-Reihe) hat sich eine Rahmenhandlung ausgedacht: Johannes der Täufer ist auch ein Astronom, der die Handlung beobachtet, die sich da quasi über seinem Kopf zusammenbraut und die für ihn das Ende bedeuten wird. Er führt Buch über die Geschehnisse. Auf einem dreiarmigen Kerzenhalter simuliert er mit Kugeln die Konstellationen von Mondfrau/Salome, Mutter Erde/Herodias und Sonnenkönig/Herodes. Diese Kugeln sind aus dem gleichem Stoff wie die Gewänder der Protagonisten. Die Assoziation mit Galilei oder Giordano Bruno, denen die Inquisition übel mitgespielt hat, ist erwünscht.

Der Grazer Opernkurzgenuss ist eine Kooperation von Musikuniversität und dem Opernhaus. Erstere stellt das Barockorchester gamma.ut, geleitet von Susanne Scholz. Bononcinis immer hoch emotionale, rhetorisch aufgeheizte Musik, die man oft als gärend und immer als unberechnbar empfindet, sollte man freilich im Ausdruck wesentlich weniger ins Kraut schießend umsetzen. Sagen wir hier: der Tatendrang eines Studentenorchesters sichert zumindest eine gewisse Frische. Das solistisch vehement geforderte Violoncello ist ein Sonderkapitel: Man hört, wie schwer's ist.

Für die vokale Seite – Opernensemble und Musikuniversität stellen die Sängerinnen und Sänger – geht der Befund in dieser Aufführung rundum positiv aus. Feride Buyukdenktas ist ein Alt, dem man wirklich „in carzere profondo“ verorten könnte, wie es einmal im Libretto heißt – dabei beweglich und wortdeutlich. Ganz wunderbare Gestaltungsmöglichkeiten bietet in dem Werk die Partie der Herodias, die Marija-Katarina Jukić mit Charisma umsetzt. Dass Salome (Saba Hasanoğlu) von Herodias quasi am Gängelband geführt und als Werkzeug und Waffe gegen ihren Mann und gegen Johannes den Täufer eingesetzt wird, macht die Regie sehr anschaulich. Wilfried Zelinka spielt die Wankelmütigkeit des Herodes in wendiger Weise durch. Engel/Gehilfe des Johannes ist Justina Vaitkute, eine Altistin mit präziser Diktion.

Die Silberschüssel wird schließlich als Requisit herbeigebracht. Der in einer Blutlache zuckende, sich aufbäumende, also geraume Zeit effektvoll vor sich hinsterbende Johannes behält bis zuletzt Kopf und Spanischen Kragen.

Weitere Aufführungen am 26., 28. und 29. Mai in der Grazer Herz-Jesu-Kirche – www.oper-graz.com
Bilder: Oper Graz / Werner Kmetitsch

 

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