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Im Adamskostüm an der Donau, so blau

REST DER WELT / WIEN, LINZ / NACKTE MÄNNER

13/12/12 Winter ist`s, es heißt: „Zieht euch warm an!“ Nicht so im Linzer LENTOS und im Leopold-Museum in Wien. Dort hängen entblößte Typen an den Wänden. Bei LENTOS im Singular („Der nackte Mann), bei Leopold im Plural („Nackte Männer“). Nur keine Scheu vor künstlerisch ambitionierten Herren im Adamskostüm! Die sind harmloser als man denkt. Wobei keine Regel ohne Ausnahme bleibt.

Von Hans Gärtner

Ilse Haiders „Mr. Big“ übernimmt im Leopold Introitus-Funktion. Man ist noch nicht drin – und schon liegt er da, in seiner ganzen Pracht, aalt sich am Pool. Lässig hat er ein glatt rasiertes Bein angewinkelt. Eine Hand ruht auf dem knochigen Knie. Das „G`schau“: heroisch-blasiert, wie denn sonst. Der Lümmel(nde) umarmt ein Pärchen im Sommerdress. Zwei Flanierende zeigen hämisch mit dem Finger auf den gut gewachsenen Popanz. Niemand der Umstehenden wagt sich ans Heiligtum des Schönlings. Das stellt er zur Schau. Posiert ja nicht für Bademoden. Sonst trüge er ums Heiligtum ja wohl was Modisches.

Wirbt der Haider-Kerl für Natur pur? Ist er das letzte Glied in der Folge nackter liegender griechischer Krieger? Als ein solcher passt er in unser kaltkriegerisches Jahrtausend nicht. Aber er lässt an die schönen Nackten der Antike denken, deren Heiligtum allerdings selten unbeschadet auf uns gekommen ist: Irgendein Penisgeiler (oder Penisneider?) hatte sich schon vor Zeiten bedient und sich aus eines nackten Adonis` Mitte ein lebensgroßes Amulett für Fruchtbarkeits-Garantie stibitzt.

Keine Sorge: Ragendes am Männerkörper gibt es zur Genüge. Sowohl in Wien, wo das Leopold-Museum mit den nackten Tatsachen bei 1800 ansetzt und diese bis in die oft mehr durch- als übertrieben freizügige Gegenwart (mit so manchem Skandalfoto, so mancher optischen Perfidität und so manchem absurden Gender-Mix) fortführt. Als auch in Linz, wo man weniger historisiert als (schon da und dort ein bisserl)  schockiert – zur Genüge. Das „G`schamige“ bleibt da wie dort außen vor. Das den Mann kennzeichnenden Körperpartien gehen die LENTOS-Kuratoren ohne Feigenblatt vorm Mund und ebendort an. Das ist so erfrischend wie, gelegentlich, arg an den Scham-Haaren herbeigezogen. Wo sonst kann man schon „Kaiser“ Beckenbauer popogenau in der Männer-Dusche sehen? Wo sonst tummeln sich am und im Wasser die Knaben scharen- und die Schamlosen einzeln oder paarweise? Wo sonst wirkt, durch aufsehenerregende Tatooträger-Fotos ab den 60ern,  der feinnervig gemalte oder auch bukolisch-derbe Akt (beides ohne Muskelprotzerei) beinahe lächerlich?

Den breiten kulturgeschichtlichen Ansatz hat man in Wien und präsentiert ihn fulminant. Es ist mit der langen Tradition männlicher skulpturaler Nacktheitsdarstellungen in Ägypten über Dürer bis zu Mapplethorpe, Gerstl, Schiele, Kolig ein langer Weg, und der nimmt viel Hinwendung zum bis heute Fremdartigen des männlichen Akts in Anspruch. Die Moderne überrumpelt nicht, trumpft aber auf mit Bacon, der Lassnig, ans Obszöne grenzenden Fotos etwa einer so trefflichen Unbekannten mit Namen von Hausswolff. „Der männliche Blick“ auf den Mann pur ist bei Hockney, Andy Warhol („Querelle, um 1982“) oder Fotos von Günter Brus (aus „Patent Merde“, Ende der 60er Jahre) von Begehren gelenkt.

Die besten Unterschiede der Herangehensweise an die kunstvoll gemalten und fotografierten Adams, die in diesem Winter an der Donau, so blau, so blau ihre Hüllen fallen lassen, haben die LENTOS-Leute aufgedröselt. Sie teilen ein: „Ich“, „Akt“, „Pose“ … bis hin zu „Alter“, „Penis“, „Schmerz“. Schade, dass die „Groteske“ kein Kapitel hat, auch sie ist doch eine „Kategorie“ männlicher Entblößtheit. Kein Wunder, dass „Schwul“ dabei ist.

Schön sind sie beileibe in den seltensten Fällen. Wie denn auch? Die nackte Wahrheit ist doch dem runden, glatten, zarten, wohlproportionierten Frauenkörper vorbehalten. Das war so. Das bleibt so. Venus ist unerreicht.

LENTOS, Linz: „Der nackte Mann“, bis 17. Februar (danach im Museum of Contemporary Art, Budapest, ab 21. März) – www.lentos.at
Leopold Museum, Wien: „Nackte Männer von 1800 bis heute”, bis 28. Januar. – www.leopoldmuseum.org
Bilder: Leopold-Museum, LENTOS

 

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