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... jetzt kann es Weihnacht werden

BACHGESELLSCHAFT / WEIHNACHTSORATORIUM

22/12/11 Michi Gaigg lässt gleich die Chor- und Orchesterfurien los. Bei allem akkuraten, fallweise fast martialischen Dirigat mit Fäusten, Karateschlägen und Rechtsauslegern aus der Schulter erhebt sie alle Welt mit Agogik und Klangsprache, die der alten Musik in ihren lebendigen Nuancen gerecht werden.

Von Erhard Petzel

altNicht alle sechs Kantaten an einem Konzert-Abend aufzuführen, ist ein Gebot der Menschlichkeit in Hinblick auf die Kondition eines durchschnittlichen Hörers. Im Konzert erspart man sich zwar die Predigt, die am entsprechenden Festtag der Aufführung der Kantate folgte, aber weniger ist selbst bei einem Großmeister wie Bach eindeutig mehr. Bleibt die Frage nach der Dramaturgie für die Auswahl.

Das Collegium Vokale der Salzburger Bachgesellschaft und das L’Orfeo Barockorchester unter der Leitung von Michi Gaigg spielten am Mittwoch (21.12.) in der Großen Aula die Kantaten I, IV, V und VI. Das gibt durchaus einen nachvollziehbaren Bogen mit einer delikaten Auswahl an verschiedenartigen Gustostückerln: Der Trompeten strahlende Jubelchor des Eingangs erhält seinen Gegenpart im Schlusschoral; dominiert in Nr. I die sauber aufgedröselte Abfolge von Rezitativen, Arien und Chorälen, wird das duettierende Prinzip der Textverschränkung in Nr. II voll ausgelebt. Solisten und Instrumentengruppen finden abwechselnd ihre Traumstellen und die Pause teilt schön symmetrisch jeweils ein Kantatenpaar.

Das Tempo ist durchgehend eher zügig, in der Tenorarie von Kantate IV so sehr, dass die Protagonisten keinen ganz leichten Stand mehr hatten, wenn auch das Geigerpaar stehend mit den Verzierungen des Sängers um die Wette parlierte.

Dafür konnte später Virgil Hartinger mit heldisch strahlendem Tenor die stolzen Feinde schrecken und, von den Oboen aufs süßeste umspielt, in warmen Koloraturen seines Heilands Heim in Nr. VI ausmalen. Diese perfekte Mischung im Stimmklang hier und sein ausdrucksstarker Evangelist wurden ihm vom Publikum hörbar bedankt. Das Solistenquartett tritt insgesamt als gut abgestimmtes und in sich klanglich rundes Ensemble in Erscheinung.

Susanne Langner überzeugt nicht nur mit ihrem wohltönenden, warmen Alt. Wenn sie Herodes stellvertretend für uns ins Gewissen redet, erscheint sie als junge Maria, die ihr Kind gegen Misstrauen und Missgunst in Schutz nimmt. Markus Volpert stimmt sich mit Körper und Geist in seine Rollen ein. Nach dem Auftrag an die drei Weisen erinnert sein tückisch-dümmlicher Gesichtsausdruck an G.W. Bush nach Auffliegen der Lüge von Saddams Massenvernichtungswaffen. Seine Bass-Koloraturarien könnten aus Opern stammen.

Nicht weniger dramatisch Ulrike Hofbauer, wenn sie dem falschen Herodes die Leviten liest. Der Höhepunkt für sie ist aber in der Sopranarie der IV. Kantate angelegt, wenn sie mit der Oboistin Carin van Heerden und der Chorsopranistin Marcia Sacher im Frage-Antwortspiel mit anmutigem Echo eine bukolische Landschaft der reinen Unschuld aufbaut. Generell bringen die barocken Instrumente die Stimmen immer wieder so richtig zum Strahlen, fallweise decken sie diese aber auch zu. Die Festlichkeit des Orchesterklangs (wunderbar die Trompeten) lässt keine Wünsche offen.

Gut verständlich, klangvoll und agogisch beweglich der Chor. Allerdings waren die Damen geringfügig in der Unterzahl, sodass der Tenor „Ich steh an deiner Krippen hier“ mit seiner Linie durchleuchten durfte. Insgesamt also ein fulminantes Musikerlebnis, das mit langem Applaus bedacht wurde. Eine ketzerische Frage zum Abschluss: Warum nicht in die einzelnen Kantaten selbst eingreifen und aus Teilen daraus ein Konzert zusammenstellen?

Bild: Bachgesellschaft

 

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