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Wo Sprache zur Heimat wird

RAURISER LITERATURTAGE / ERÖFFNUNG

19/03/15 Das schriftstellerische „Kopforchester“ – so nennt die Autorin Ilma Rakusa die Vor-Phase des Schreibens - will übersetzt werden in konkrete literarische Formen: Bereits der Eröffnungsabend der Rauriser Literaturtage bietet Gelegenheit, aus unterschiedlichen Perspektiven, Einblicke in diesen faszinierenden Prozess zu gewinnen.

Von Mattia Gmachl und Michael Riss

Ilma Rakusa veranschaulicht eindrucksvoll, wie das Thema der 45. Rauriser Literaturtage MEHR.SPACHEN verstanden werden kann: Sie verortet ihre Heimat nicht auf einer Landkarte, sondern findet diese ganz konkret in der deutschen Sprache. Hier aber schöpft sie aus den Weiten, die ihr die vielen Reisen in ihrer Kindheit eröffnet haben. Das Potential anderer Sprachen, jeweils unterschiedliche Nuancen, Gefühlstemperaturen, abzubilden, bereichert den Ausdruck der jeweiligen Sprache, in der das Schreiben stattfindet.

Die Erzählerin, Dichterin und Essayistin, 1946 in der Slowakei geboren, ist in Budapest, Ljubljana und Triest aufgewachsen, lebt heute in Zürich und übersetzt aus dem Russischen, Serbokroatischen, Ungarischen und Französischen. In ihrem Erzählband „Einsamkeit mit rollendem r“ führt eine Ich-Erzählerin nach Graz und Zürich, ins schweizerische Dörfchen Bondo und ins südfranzösische Vernasque. „Die Lektüre dieser Menschen- und Orteporträts ist eine Reise mit allen Sinnen. Besonders die Orte, ob Stadt oder Land, macht Rakusa mit Auge und Ohr, Nase und Mund intensiv erfahrbar“, hieß es in der Zürcher Zeitung. „Aber es bleibt ein Rest von Magie: wenn in der Begegnung zweier Menschen die Welt zu leuchten beginnt.“

Auch Karen Köhler, die diesjährige Preisträgerin des Rauriser Literaturpreises, illustriert – augenzwinkernd - einen Aspekt der Mehrsprachigkeit, indem sie es schafft, sich trotz ihrer Abwesenheit zu Wort zu melden: Aufgrund einer Terminkollision ist Köhler am Eröffnungsabend Mittwoch (18.3.) nicht in Rauris. Es entfällt diesmal die Tradition des Auftakts mit der Prämierten. Dafür spricht Karen Köhler mittels der Stimme ihres Verlegers – der Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ ist bei Hanser erschienen - zum Publikum. Sie leitet ihn in einer humorvollen Regie durch ihre Dankesrede und inszeniert so eine Präsenz vor Ort. Köhler ist in ihrem künstlerischen Ausdruck mehrsprachig unterwegs: Sie illustriert und zeichnet, schreibt Erzählungen und Bühnenstücke, ein Talent, das sie bei dieser Gelegenheit eindrucksvoll unter Beweis stellt.

„Money Is Time“. Mit dieser auf den Kopf gestellten Formulierung des altbekannten Sprichwortes bringt Karen Köhler einen wichtigen Aspekt von Literaturpreisen auf den Punkt: Neben der Anerkennung ist für eine Schriftstellerin am Anfang ihrer Karriere auch der monetäre Aspekt von großer Bedeutung. Mit Preisen wie diesem sei für literarische Debütanten und Debütantinnen ein ökonomisch „geschützter Zeitraum“ gesichert, der die Fortsetzung literarischen Schaffens ermögliche. Der vom Land Salzburg vergebene Rauriser Literaturpreis ist mit 8000 Euro dotiert, der Förderungspreis mit 4000 Euro.

In Rauris verbindnen sich Gegensätze zu einer fruchtbaren Synthese. Inmitten des Tales, eingerahmt durch eine Kulisse aus Bergen, entfaltet sich eine Weite des Geistes. Kaum mehr vorstellbar, dass dieser Austragungsort für ein Literaturfestival je angezweifelt worden ist. Heute zeigt sich sehr eindeutig: Rauris und die Literaturtage bieten Heimat und Entfaltungsmöglichkeit für Sprachfreunde aller Couleur. An keinem anderen Ort sind Autoren und Autorinnen so nahbar wie hier, sei die Vielfalt der Begegnungs- und Berührungspunkte so zahlreich.

Die Podiumsgespräche von Autorinnen und Autoren mit Studierenden aller österreichischen Universitäten sind bereits seit mehreren Jahren ein Fixpunkt im Programm. Den Anfang machten heute Donnerstag (19.3.) Vormittag angehende Germanistinnen und Germanisten aus Wien im angeregten Dialog mit dem tschechischen Autor Jaroslav Rudiš.

Die 45. Rauriser Literaturtage 18. bis 22. März – www.rauriser-literaturtage.at können auch auf Facebook und Twitter  verfolgt werden

Für DrehPunktKultur berichten aus Rauris Studentinnen und Studenten von Christa Gürtler, die im Rahmen der Lehrveranstaltung „Literaturbetrieb und literarisches Leben in Österreich (Rauriser Literaturtage 2015)“ am Fachbereich Germanistik an den Rauriser Literaturtagen teilnehmen.

Bilder: David Sailer/David Sailer IMAGES/davidsailer.viewbook.com

 

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