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Busreise in die Ewigkeit

REPORTAGE / SACELLUM / GYMNASIUM MORTIS

13/05/14 Ein Ausflug in die Ewigkeit? Vielleicht. Zwölf Professoren der ehemaligen Benediktineruniversität sind in der Gruft des Sacellums bestattet – hintereinander sitzend wie auf einer Busreise ins Jenseits - in maßgeschneiderten schmalen Sitzgrüften. Das Sacellum war die Kirche der Benediktineruniversität. Sie wurde bald zu klein, die prächtige Universitätskirche errichtet. Im Sacellum zurück blieb nicht nur die eine  sprichwörtliche „Leiche im Keller“.

Von Heidemarie Klabacher

Die Steinplatte vor dem Hochaltar zeigt an, wo’s hinunter geht: „Da ist zunächst ein enger Schacht. Über eine Leiter kommt man in einen schmalen Gang. Links und rechts davon sind die einzelnen Sitzkammern. Die Bestatteten - zwölf verdiente geistliche und weltliche Professoren der ehemaligen Benediktineruniversität - sitzen hintereinander wie im Bus.“ Christoph Brandhuber, der Leiter des Universitätsarchivs Salzburg hat in seinem neuen Buch „Gymnasium Mortis. Das Sacellum der Universität Salzburg und seine Sitzgruft“ die Bau- und Ausstattungsgeschichte der kleinen Kirche in der Hofstallgasse, die sensationelle Gruft und das Leben ihrer honorigen Dauerbewohner akribisch aufgearbeitet und beschrieben.

Beim Lokalaugenschein mit DrehPunktKultur schilderte er anschaulich, was man entdeckte dort unter dem Marmorboden im Sacellum - wenn man's denn anschauen dürfte.

„Die einzelnen Grüfte sind schmal und eng. Im Inneren sind gemauerte Sitzbänke. Man hat die Verstorbenen hineingesetzt und die Gruft vermauert. Die Oberkörper sind gestützt worden. Für die Füße hat man in der Wand kleine Nischen ausgelassen.“ Nicht alle Grüfte seien im Zuge der archäologischen und konservatorischen Befundung im vergangenen Herbst geöffnet worden.

In die Sitzkammern hineinschauen könnte man. Wenn auch nur theoretisch und wenn die Gruft nicht für den nächsten Abschnitt der Ewigkeit wieder verschlossen worden wäre: In die Mauer, die die Sitzkammern verschließt wurden kleine Holztäfelchen eingemauert, die die Namen und Daten der Verstorbenen tragen. Diese Holztäfelchen sind herausnehmbar. Warum? „Wir wissen es nicht“, sagt Christoph Brandhuber.

Die Wissenschaftler, die die Gruft vergangenen Herbst untersuchten, haben neben den – natürlich längst in sich zusammengesunkenen Skeletten - auch noch Stoff- und Kleiderreste gefunden. Immerhin noch soviel, dass man da und dort etwa auf den Schnitt einer Bundhose habe schließen können, erzählt der Universitätsarchivar

In der ersten „Reihe“ quasi auf dem besten Platz unmittelbar unterhalb des Hochaltares als erster in der Sitzgruft bestattet worden ist Pater Marian Schwab OSB im Jahr 1664. Als nächster Kandidat für die Sitzgruft folgte ihm zehn Jahre später Christoph Bluemblacher. Er sei allerdings als weltlicher Professor nicht neben Pater Marian, sondern in der zweiten Reihe beigesetzt worden, schildert Christoph Brandhuber die strenge Etikette im Tode: Der zweite Platz in der ersten Reihe sei einem Geistlichen vorbehalten geblieben, dem 1679 verstorbenen Pater Volpert Motzel OSB.

Warum diese ehrwürdigen Verstorbenen im Sitzen beerdigt wurden? „Auch das wissen wir nicht“, sagt Christoph Brandhuber. „Es gibt nicht ‚die’ zeitgenössische Schrift, die das alles erklärt. Was die Menschen sich möglicherweise dabei gedacht haben, kann höchstens aus dem Denken der Zeit heraus gedeutet werden.“ Es gebe jedenfalls Leichenpredigten, in denen Sitzbestattungen beschrieben werden. Im „Gymnasium Mortis“ unter dem Sacellum sitzen vielleicht die Professoren auf ihren „Kanzeln“ und zeugen mit ihren Requisiten von der Vergänglichkeit von „Jedermann“.

Apropos „Jedermann“. Der erste Salzburger Jedermann ist auch im Sacellum bestattet. Allerdings nicht in der Sitzgruft, sondern in einem einzelnen Grab im vorderen Kircheteil. „Das ist keine Gruft, das ist ein ganz normales Erdgrab“, betont Christoph Brandhuber. In diesem Grabe beigesetzt ist natürlich nicht Alexander Moissi, sondern ein Schauspiel-Star des Barock. Wolfgang Braumiller: „Das war zunächst ganz einfach ein Student aus Augsburg. Er wurde im Jahr 1600 geboren und ist zum Studieren nach Salzburg gekommen.“

Braumiller habe mit seinem schauspielerischen Talent Furore gemacht, man habe ihn im Benediktinertheater auf der Bühne in der Großen Aula nicht verzichten wollen und versucht, mit allen Mitteln versucht, ihn in Salzburg zu halten. Er sei sogar zum ‚Pedell’, also zum Szepterträger der Universität, ernannt worden, damit er hier bleibt. „Fünfzig Jahre lang hat Braumiller fast in jedem Theaterstück mitgespielt, oft bis zu sieben Rollen an einem Abend“, erzählt Christoph Brandhuber.

Er hat aber nicht nur die geheimnisvolle Gruft des Sacellums erforscht und ihre Geschichte lebendig werden lassen. Der Unisversitätsarchivar hat auch den Blick auch nach oben gerichtet - auf die kaum weniger sensationelle künstlerische Ausgestaltung des Sacralraums. Die Gemälde und Deckenmedaillons sind alle Kopien großer Meister. Gemalt haben sie vermutlich mehrere Salzburger Künstler. Ihre Vorlagen waren Kupferstiche nach Gemälden von Rubens, Veronese, van Dyke oder Reni. „Wer gemalt hat, wissen wir nicht. Aber sie haben sehr hoch gegriffen in ihren Vorlagen unsere Salzburger Künstler." Die Deckenmedaillons verbildlichen die Rosenkranzgeheimnisse - auch sie sind Kopien der Gemälde alter Meister. 

 

Ursula Schachl-Raber (Hg.): Christoph Brandhuber: Gymnasium mortis. Das Sacellum der Universität Salzburg und seine Sitzgruft. Fotgrafien von Hubert Auer. uni:bibliothek4. Verlag Müry Salzmann, Salzburg 2014. 240 Seiten 39 Euro.
Bilder: Buchillustrationen
Präsentiert wird „Gymnasium Mortis“ am Dienstag (13.5.) um 18.30 in der Großen Aula. Das Sacellum ist bis 23 Uhr geöffnet. Aber nicht die Gruft natürlich.

 

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