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Die Visitenkarte des Preisträgers

FESTSPIELE / YOUNG CONDUCTORS AWARD

04/08/19 Es gehört schon Selbstbewusstsein dazu, sich dem Festspielpublikum ausgerechnet mit einer der bekanntesten Symphonien überhaupt, jener Aus der Neuen Welt von Antonin Dvorak, vorzustellen. Gábor Kali, im Vorjahr Preisträger des Young Conductors Award, hat dieses Selbstbewusstsein – und er kann es sich leisten.

Von Reinhard Kriechbaum

Dvoraks Neunte also am Samstag (3.8.) in der Felsenreitschule, mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien: Da ließ vom ersten Takt weg und bis zum sorgfältig abgetönten, sanft diminuierten Finalakkord im Schlusssatz ein äußerst gediegener, auch fordernder Umgang mit den Holzbläsern aufhorchen. Gábor Kali scheint immer mit beiden Ohren zu den Solobläsern gewandt, die unter seiner Anleitung mit spürbaren Animo die eine oder andere eigenständige Phrasierung, da und dort auch ein eher unübliches winziges Rubato erproben und die Melodien mit ruhigem Atem einander weiterreichen dürfen.

Mit sicherer Hand, oft unterschwellig in der Dynamik, ordnet der ungarische Dirigent die Streicher dem ihm merklich wichtigeren Geschehen an den hinteren Pulten bei. Das wirkt konsequent durchgearbeitet, in der Klangbalance sorgfältig ausgehorcht und die Bläser-Dominanz mag auch den seinerzeitigen Gewichtungen nahe kommen, ohne „Originalklang“ sein zu wollen. Gabór Kali, Erster Kapellmeister am Staatstheater Nürnberg (wo er schon seit 2011 tätig ist), steht ganz offensichtlich für kapellmeisterliche Tugenden und sicheres Handwerk. Jede Wette, dass der Rundfunk-Aufnahmeleiter an diesem Abend wenig nachträgliche Arbeit investieren muss.

Die Liebe zu luzidem Musizieren, ebenfalls mit mannigfaltigen Aufmerksamkeiten in Richtung der Holzbläser, bestimmte auch die Orchesterbegleitung zu den Liedern eines fahrenden Gesellen von Gustav Mahler. Ein Dirigent, der mit seinen Musikern so ruhig mitatmet, ist Gold wert auch für den Sänger. André Schuen, in Sachen Liedgesang am Mozarteum bei Wolfgang Holzmair ausgebildet und unterdessen auf gutem Karriere-Weg, konnte sich da wirklich ganz der Gestaltung widmen, musste sich nicht ein einziges Mal einer Orchester-Verdickung, eines zu kräftigen Fortes erwehren. Die Klagen des verschmähten Liebhabers konnte der Bariton frei, mit vorbildlicher Textverständlichkeit und hoher tonlicher Flexibilität umsetzen. Dem Glück, das ihm „nimmer blühen kann“ (Ging heut morgen übers Feld), konnte Schuen also denkbar unforciert nachweinen. Beide, der junge Sänger wie der junge Dirigent, empfehlen sich gerade fürs Genre Orchesterlied.

Begonnen hatte der Abend mit orchestraler Wollust: Das Konzert gehörte ja auch zur Reihe Zeit mit Dusapin. Von dem Franzosen war das pastose Stück Morning in Long Island zu hören. Pascal Dusapin nennt das Stück „Konzert Nr. 1 für großes Orchester“, und das ist nicht nur eine Anspielung auf jene Dreiergruppe aus Trompete, Posaune und Horn, die an verschiedenen Positionen fern vom Orchester aufgestellt sind und entfernt an ein Concerto grosso denken lassen. Das Werk aus dem Jahr 2011 ist von einer Strandstimmung inspiriert, die der Komponist zu früher Morgenstunde in New York erlebte. Es ist aber keine Programmmusik, eher eine zeitgenössische Form von Impressionismus – man denkt natürlich an La mèr von Debussy, das auch viel mehr Orchester- und Instrumentationsstudie ist als pure Stimmungsmalerei. Dusapin setzt Farben und irisierende Klangflächen, bringt sie ins Kreisen immer leicht variierend, immer wie von innen heraus bewegt. Und der letzte Satz - „swinging“ überschrieben – ist eine Turbo-Bigband-Studie mit Charisma.

Hörfunkübertragung am 9. August um 19.30 Uhr in Ö1
Bilder: SF / Marco Borrelli

 

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