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Blass, blond, stoppellockig

DOMQUARTIER / DIE FARBEN DER SERENISSIMA

05/07/24 Die Calle dei Stagneri war eine von Malern nicht selten aufgesuchte Gasse in Venedig, denn dort hatten viele Farbenhändler ihre Geschäfte. Canaletto hat sich gleich in unmittelbar dort niedergelassen. Tizian und Veronese mussten auch nicht weit marschieren. Und Giorgione brauchte bloß die Rialtobrücke zu überqueren, um sich mit frischen Farben einzudecken.

Von Reinhard Kriechbaum

In der Residenzgalerie im DomQuartier zeigt das Kunsthistorische Museum für gut ein halbes Jahr die Schau Die Farben der Serenissima. Venezianische Meisterwerke von Tizian bis Canaletto. Die Farbe selbst ist natürlich ein Thema, gab es doch in der Handelsmetropole Venedig seit je her optimale Voraussetzungen, an die meist aus dem orientalischen Raum importierten Pigmente zu kommen. Ein Vorteil, den auch die Glasmacher in Murano für sich zu nutzen wussten. Aber das ist natürlich nur ein Aspekt in der venezianischen Malerei von der Renaissance bis zum Rokoko. Kuratorin Çiğdem Özel: „Der Ausstellungstitel spielt mit einer gewissen Doppeldeutigkeit. Er bezieht sich zum einen auf die besondere Farbgebung in der Malerei und den malerisch-sinnlichen Farbauftrag, zum anderen tatsächlich auf die Farben der Stadt Venedig, so wie sie sich den Menschen in ihren Lichtstimmungen und in der Opulenz ihrer Luxusgüter präsentiert.“

„Himmlische Sinneslust“ ist ein Raum übertitelt, und da kann man erahnen, dass auch in der Lagune und in der angrenzenden „Terra ferma“ (dem Hinterland, wo die reichen Venezianer ihre Landvillen erbauen ließen) nicht gerade Kinder der Traurigkeit lebten. Auch wenn sie Grund zur Melancholie gehabt hätten, denn die Expansion der Osmanen wies die längste Zeit die Seemacht Venedig in die Schranken.

In einem Gemälde von Tizian brauchte Amor eigentlich gar keinen Pfeil mehr zu schießen, Mars und Venus sind schon voll drauf. In einem Bild von Schiavona sehen wir den Jäger Acaeton, der Diana und ihre Begleiterinnen beim Bad überrascht. Die Nymphen reagieren unterschiedlich g'schamig. Eine versteckt sich hinter einer Säule, andere fassen rasch nach Kleidungsstücken. Das Spechteln hat Acaeton übrigens nicht gut bekommen, aber das ist eine andere Geschichte, die kann man bei Ovid nachlesen.
Kein Frauen-Bild ohne pausbäckige Blondine – das war offensichtlich das venezianische Schönheitsideal. Diana hat ebenso blonde Stoppellocken wie die Venus, an die Tizian den Kriegsgott Mars gar nicht zögerlich Hand anlegen lässt. Nach rassigen Schwarzhaarigen sucht man in der Bilderwelt Venedigs vergeblich.

Die hochqualitativen Gemälde, die hier beisammen sind, machen so recht Lust, über die Charaktere der Dargestellten nachzudenken. Das gilt nicht nur für die Porträtmalerei, in der sich das Selbstbewusstsein der venezianischen Hautevolee unmittelbar spiegelt. Fast ein wenig versnobt wirken die Herren. Der Doge Sebastiano Venier, porträtiert von Tintoretto, posiert in beinah schon anachronistischer Frührenaissance-Manier im Harnisch – und diese seine Prunkrüstung ist in der Ausstellung ebenfalls zu sehen.

Prägnante Charaktere aber auch in den biblischen und mythologischen Szenen. Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers – da erinnert Palma il Giovane an die Geschichte dahinter. Sehr zufrieden blickt Mutter Herodias, die Drahtzieherin im Halbdunkel, auf das Haupt des Täufers. Sie war es ja, die der Tochter die Flausen in den Kopf gesetzt hat. Salomes Gesichtsausdruck ist leer, sie wirkt verloren. Man kann fühlen, dass sie eigentlich selbst nicht weiß, wozu ihr Tanz und der frivole Wunsch nach dem Kopf des Johannes hätten gut gewesen sein können. Ähnlich vermittelt uns Veronese die Szene, als Judith das Haupt des Holofernes beinah hilflos umklammert. „Was jetzt?“, scheint sie in dem Moment ihre Dienerin fragen zu wollen. Da ist nichts vom Heroismus einer Retterin der Israeliten.

Farbe evoziert Licht. Domenico Fettis Meeres-Szene Hero beweint den toten Leander wirkt wie ein Vorgriff auf Makart. Und Tintorettos Kreuzabnahme könnte das mit aller bühnenwirksamen Raffinesse durchgestaltete Finale einer Oper sein: Der Körper des toten Jesu wie im Scheinwerferlicht, die in Ohnmacht sinkende Maria, die Aufgeregtheit der Figuren in enger Interaktion. Wie hätte ein Bühnen-Gesamtkunstwerk in Tintorettos Regie wohl ausgesehen?

In der Musikstadt Salzburg sind Musikbilder im letzten Raum wohl angebracht. Bernardo Strozzis Lautenspieler hat ein auffällig gerötetes Gesicht. Mag sein, dass der Bursche recht weinselig aufspielt. Ein anonymer Malerkollege hat dafür den Augenblick eingefangen, in dem ein Musiker in voller Konzentration das Ohr an die zu stimmende Lira da Bracchio legt. Und Capriolos Drehleierspielender Dichter? Für den ist das Instrument wohl nur Mittel zum Zweck. Er scheint die Dame – natürlich wieder eine wohlgerundete Blondine, zu taxieren und zu überlegen, wie viel Musik wohl noch nötig ist, bis er sie rum hat.

„Die Farben der Serenissima. Venezianische Meisterwerke von Tizian bis Canaletto“. Ausstellung in der Residenzgalerie (DomQuartier) bis 6. Jänner 2025 – Im Juli, August und September 2024 erhalten Besucher des DomQuartier Salzburg und des Kunsthistorischen Museum Wien nach Vorlage eines Tagestickets des jeweiligen anderen Hauses, ein ermäßigtes Tagesticket (10 bzw. 18 Euro) – www.domquartier.at
Bilder: DomQuartier / KHM-Museumsverband

 

 

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