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… ohne das Alte zu zerstören

LESEPROBE / PETER SCHUH

14/04/17 Im vergangenen Herbst ist Peter Schuh 75 Jahre alt geworden. Im Müry Salzmann Verlag ist aus diesem Anlass eine Monographie über diesen Architekten erschienen, der 27 Jahre lang als Leiter des Bauamtes der Erzdiözese Salzburg kirchliches Bauen prägte.

Von Peter Schuh

Meine Kindheit erlebte ich im bäuerlich geprägten Tiroler Dorf Zell am Ziller mit allen Nöten der Nachkriegszeit, eingebunden in den Zyklus des Kirchenjahres. Es gab wenige männliche Personen im Ort. Vielmehr bestimmten die Frauen den Alltag. Die Mutter stammte aus Thalheim bei Wels, der Vater aus Schattendorf im Burgenland. Er war Baupolier und auf ständig wechselnden Baustellen unterwegs, bei großen Kraftwerks- und Industriebauten und beim Autobahnbau. So kam er nach Zell am Ziller. Als meine Schwester Anni acht Jahre alt war, wurde ich geboren. Nun beschloss die Mutter, in Zell am Ziller/Tirol zu bleiben und nicht den Baustellen ihres Mannes zu folgen. So war der Vater meist nur wenige Tage pro Monat zu Hause. Der oberösterreichische Dialekt der Mutter ist mir so besonders vertraut geworden. Heute lebe ich, wo diese Sprache zu Hause ist.

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Welch gravierende Änderung! In die Welt Clemens Holzmeisters einzutreten, in ein überreiches Berufsleben mit allen Erfahrungen eines derart sich wandelnden Zeitalters und den Katastrophen zweier Weltkriege. Der Stahlbeton-Ehrgeiz schwand bald dahin. Ich erfuhr neue Orientierung über neue Gespräche und Begegnungen im Büro Holzmeister und auf den Baustellen: von Herbert Boeckl, Richard Kurt Fischer, Hans Fronius, Carl Unger, Giselbert Hoke, Josef Zenzmaier, Gudrun Baudisch, Oskar Höfinger, Jakob Adlhart, Toni Schneider-Manzell und anderen.

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Im Jahr 1969 verlegte Clemens Holzmeister das Atelier in sein Wohnhaus in der Salzburger Brunnhausgasse. Nach Holzmeisters Übersiedlung zog auch ich mit meiner Familie nach Salzburg (und erst ab 1985 auf den Hilfberg in Mondsee) und arbeitete in Teilzeit auch für den Studienkollegen Edmund Kirchdorfer in dessen Büro in der Künstlerhausgasse. In den 1960 und 1970er-Jahren war das Bauen geprägt von Sparsamkeit und von möglichster Vergabe-Korrektheit. Allmählich kamen bei größer werdenden Bauvorhaben „juristische Sicherheiten“ in die Verträge – nach amerikanischem Muster. Ich konnte in dieser Zeit aber noch die Handschlagqualität erleben und die damit verbundene Effizienz.

Der Schwerpunkt der Arbeit blieb fortan Salzburg mit der Tätigkeit als Bauamtsleiter der Erzdiözese ab 1980 (wegen des frühen Tods von Architekt Josef Schröck suchte man einen Nachfolger). Durch den Tiroler Anteil der Erzdiözese Salzburg ergab sich mit dieser Tätigkeit für mich eine Rückbindung an meine Heimat. Clemens Holzmeister war in jenen Jahren schon hochbetagt (94 Jahre) und hatte nur noch drei Jahre zu leben.

Meine berufliche Tätigkeit stand ab 1980 auf drei Beinen: der Bauamtsleitung der Erzdiözese Salzburg, dem Büro Holzmeister und der Tätigkeit als selbständiger Architekt. Aus der Arbeit im Atelier Holzmeisters und den örtlichen Kontakten waren allmählich private Aufträge entstanden, sowohl von Pfarren als auch von Privatpersonen.

Als prägend erlebte ich die wiederholten Diskussionen Holzmeisters mit Johannes Neuhardt, dem Vorsitzenden der Kunst- und Denkmalkommission der Erzdiözese Salzburg. Neuhardt zeigte Mängel oder Schwächen in den Entwürfen deutlich auf und versuchte auch in meiner Zeit als Bauamtsleiter die durch Holzmeister erfolgte Prägung meiner Person zu hinterfragen. Es ging dabei um Themen, die mir schon aus der Bürozeit bei Holzmeister vertraut waren.

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Um die Zeit meines Einstiegs als Bauamtsleiter hatten rigorose Eingriffe in die historische Substanz große Verluste offenbart. Allmählich ging man daher vorsichtiger mit dem baulichen Erbe um. Aufgrund seiner bildnerischen Kraft sah Holzmeister den Denkmalschutz kritisch, ja als vielfach behindernd an. Und mit diesem Denken war ich vertraut geworden. Umgekehrt war ich zutiefst überzeugt, dass ein Weiterbauen bzw. Eingriffe möglich sind, ohne das Gesamte zu stören. Durch neue technische Möglichkeiten kann der entstehende Kontrast bereichern, aber auch bleibend irritieren. Mit dem Zusammenbruch der mittelalterlichen, in den Glauben fest eingebundenen Existenz hat eine Epoche großer Unsicherheit begonnen, die noch andauert. In diesem Sinn habe ich bei den zahlreichen mir anvertrauten Projekten stets versucht, in Respekt vor dem Bestehenden meine Arbeit zu tun.

Peter Schuh. Architekt - Zeichner – Handwerker. 176 Seiten. Müry Salzmann Verlag, Salzburg-Wien 2017. 35.- Euro – www.muerysalzmann.at
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags
Zur Buchbesprechung Das „Schuhwerk“ des Kirchen-Künstlers

 

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