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Warum jetzt die Marionetten dran sind

HINTERGRUND / IMMATERIELLES KULTURGUT

08/11/17 Was haben die Gasteiner Perchten und der Lungauer Samson mit dem Salzburger Marionettentheater gemein? Sie stehen auf der UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes Österreichs. Dabei sind die Marionetten aus der Schwarzstraße deutlich weniger furchteinflößend als die Perchten. Und die Größendifferenz zum Samson? Wirklich kein Vergleich...

Von Reinhard Kriechbaum

Am 9. November im Wiener Palais Auersberg bekommen Barbara Heuberger und das Team der Salzburger Marionettenspieler die Urkunde überreicht. Mit von der Partie werden unter anderem die Ausseer Flinserl und Axamer Wampelerreiter sein (beides sind Faschingsbräuche). Aber auch die Herstellung der Linzer Goldhaube, das Taubenschießen in Altausse und das Erfahrungswissen im Umgang mit der Lawinengefahr der alpinen Regionen Österreichs stehen seit kurzem auf der Liste und erst vor wenigen Wochen kamen der Wiener Walzer und das Zweidrittelgericht Landeck (eine traditionelle Form der bäuerlichen Organisation der Almen) hinzu.

„Immaterielles Kulturgut“ ist also ein ganz weites Feld. Mittlerweile zählt das Österreichische Verzeichnis 103 Eintragungen – zehn aus dem Bereich „mündliche überlieferte Ausdrucksformen“, zwanzig aus dem Bereich Darstellende Künste, 41 gehören in den Umkreis gesellschaftliche Praktiken, Rituale und Feste, zwölf betreffen das Wissen und Praktiken im Umgang mit der Natur und dem Universum, und schließlich sind 19 traditionelle Handwerkstechniken besonders hervorgehoben.

Wie ist die Sache mit dem Salzburger Marionettentheater? Als Wirtschaftsunternehmen käme es, so schreibt der Salzburger Spieleforscher Rainer Buland von der Salzburger Universität Mozarteum, für eine Aufnahme auf die Liste des Immateriellen Kulturguts eigentlich nicht infrage. Aber aus der Familientradition in Nachfolge von Prof. Sepp Aicher (seit 1913) sei „eine übergeordnete Tradition entstanden, die Familie der Puppenspieler“. Hier Puppenspieler zu sein, bedürfe eines jahrelangen Sich-Einarbeitens und höchster Spezialisierung. Deshalb gebe es auch „keine Karrieremöglichkeiten“, ein Wechsel zu einem anderen Marionettentheater sei nicht möglich. „Puppenspieler kann man nur aus Berufung werden“, so Rainer Buland.

„Für den Betrieb und den Nachwuchs eines Marionettentheaters braucht es lokale Traditionen, und ich möchte sagen, eine lokale von Kindheit an genährte Begeisterungswelle“, so der Spieleforscher. Im weltweit einzigen Marionettentheater, das sich der Aufführung von Opern widmet, sind jedenfalls neben künstlerischen Fertigkeiten auch die Weitergabe des handwerklichen Könnens notwendig, um die Puppen zu schnitzen, zu bemalen, sie zu kostümieren und zu bewegen.

Bei der Urkundenverleihung in Wien werden die Marionetten zum Gesang der Wiener Sängerknaben (die ebenfalls heuer auf die UNESCO-Liste kamen) tanzen. Zum Donauwalzer.

Wichtiger fürs Marionettentheater ist aber der „Puppentanz“, ein Event, zu dem man am 18. November lädt. Gäste erwartet ein Sektempfang mit Fingerfood und Jazz von Erich Zawinul. Danach gibt es im Theatersaal Livemusik, Zauberei, Artistik und einen Ausflug in die bewegte Vergangenheit des Hauses. Am späteren Abend ist eine Afterparty im Foyer mit DJs und Liveacts zum Tanzen angesagt. Der gesamte Erlös aus Gastronomie, Kartenverkauf und Spenden kommen dem Erhalt des Salzburger Marionettentheaters zugute. Auch ein Crowdfunding-Projekt wurde ins Leben gerufen, wo man vergünstigte Karten, eine Führung hinter die Kulissen oder eine nach dem eigenen Abbild handgefertigte Marionette zur Unterstützung des Theaters ersteigern kann.

Vierzehn Punkte umfasst die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturguts nun in Salzburg. Alphabetisch geht es mit dem Aberseer Schleuniger und dem Aperschnalzen los. Weitere Bräuche sind der Dürrnberger Schwerttanz, die Gasteiner Perchten, das Hundstoa-Ranggeln, der Tanz der Tresterer, die zehn Lungauer (und die beiden steirischen) Samson-Figuren und das Salzburger Festschützenwesen. Das Ratschen am Karfreitag hat im Lungau besondere Tradition. Für die Aufnahme der Klöppelei hat der Verein Tauriska erfolgreich Lobbying betrieben. Die Vereinigten zu Tamsweg stehen ebenso auf der Liste wie das Heilwissen der Pinzgauerinnen. Und so sehr man auch die Funktion von „Stille Nacht“ als weltweites Friedenslied hervorhebt – es ist als Immaterielles Kulturgut für Salzburg festgeschrieben.

www.marionetten.at
Bilder: dpk-krie

 

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