asdf
 

Bewegung, Jugend und Action

LANDESTHEATER / JOSEPH

29/05/17 Der Bibelschlager „Joseph und seine Brüder“ in Webbers Schlager-Bibel vom kunterbunten Traum-Mantel „Joseph And The Amazing Technicolor Dreamcoat“: Bejubelte Premiere war am Samstag (27.5) im Landestheater.

Von Erhard Petzel

Von den Kleinsten im Regenbogen-Schnecken-Leibchen bis zu den adoleszenten Jugendlichen wird voll abgerockt: Gesang, Tanz und Power-Pop gehen von der ersten bis zur letzten Minute gnadenlos durch - ohne Schonung für die jugendlichen Solisten. Und das macht zugleich den besonderen Reiz der Aufführung aus: die unmittelbare Kraft, die aus der Jugend herausbricht aus Mangel an Erfahrung von Schonung und Ökonomie und einer unendlichen Ressource an Gesundheit.

Ohne Atemnot singt und springt sich Lukas Blaukovitsch als begnadeter Liebling und verhasster Protegé Joseph durch seine Geschichte (er wird an verschiedenen Aufführungsterminen abgelöst von Julius von Maldeghem und Fabio-Luca Ziegler). Authentisch ist etwa seine Panik vor den Avancen der verführerischen Frau Potiphar (Elisa Afie Agbaglah), die ihn bis auf die Unterhose entblößt. Hanna Kastner als Erzählerin ist die ebenso umfassend beanspruchte Partnerin an der Seite des Titelhelden.

„Joseph And The Amazing Technicolor Dreamcoat“ markiert 1968 den Beginn von Andrew Lloyd Webbers Karriere als Musical-Schöpfer. Das Werk wird als „Pop-Kantate“ bezeichnet – und ein Hörer, der sich an den religiösen Aufbruchshintergrund der Entstehungszeit noch erinnern kann, ist von den barocken Traditionen des durchkomponierten Nummernstückes eigenartig überrascht. Die Schulaufführung bildete das Sprungbrett, dem der Klassiker „Jesus Christ Superstar“ in New York folgte. Nun investiert das Landestheater seine verdienstvolle Jugendarbeit einmal mehr in eine bunte und quirlig fulminante Aufführung.

Wolfgang Götz hat seine hochmotivierte Truppe auf ein hohes Tempo und solide gesangliche Leistung gebracht. Die Choreographen Kate Watson und Josef Vesely lassen Joseph und seine Brüder, Solisten und Choristen kraftvolle Choreografien durchführen, darunter mehrere reizende Damen- und Genre-Ensembles. Carl Philip von Maldeghem inszenierte lustvoll zwischen den von Katja Schindowski rationell eingesetzten Elementen für eine wandelbare Bühne. Alois Dollhäubls Kostüme ermöglichen den Umschwung einer großbürgerlichen Finanzbürgertums-Atmosphäre in eine Westernshow bei Überbringung der Todesnachricht an den Vater Jakob (Axel Meinhardt).

Diese Szene zeigt aber auch den mangelnden dramaturgischen Tiefgang, wie er für die Musicals der Generation um Webber typisch ist. Seichter Inhalt und oft widersinniger Gehalt der Texte von Tim Rice werden in der deutschen Übersetzung schmerzlich wahrnehmbar. „Der bunte Mantel“, im alttestamentlichen Original das ultimative Zankobjekt zwischen Joseph und seinen Brüdern, steht für sich als Symbol des bunten Vogels (vielleicht aus dem Geist des romantischen Genies). Die Farbigkeit steht im Kontrast zum monochromen Schwarz neidiger oder naiver Bürger.

Nicht inszeniert wird in Salzburg der hellsichtige Hippie, der auch nicht mehr vermittelbar wäre. „Vom Traum zum Trauma“ – das wäre etwa eine heutige Sicht auf den biblischen Stoff. Geht es doch um Kränkung und Narzissmus, jenen Terror, der aus dem Gefühl der Zurücksetzung geboren wird (die zehn großen Brüder, Söhne der Nebenfrauen Jakobs) fühlen sich ja durch den erstgeborenen Sohn der Lieblingsfrau um die Liebe des Vaters betrogen, nicht ganz zu unrecht. Die unerschütterliche Leichtigkeit des Seins in diesem Musical ist nur wegen der jungen Proponenten erträglich. Und durch satirische Überspitzung, etwa wenn Christoph Wieschke ein spätes Elvis-Double als Selbstkarikatur auskostet. Dass dieses des gottgleichen Pharaos Kern ist, wirkt mit historischem Abstand auch heute noch.

Wer Bewegung, Jugend und Action liebt, ist hier goldrichtig. Ausdruck und Anspruch weisen einen idealen Deckungsgrad auf. Probleme als würzige Zutaten zum bekömmlichen Konsum sind nicht das Thema, sondern Triebmittel für die Handlung. Die Gefühle sind zwar nicht groß, aber cool. Süß verkleistert die Soundsoße das Ohr. Bewegtheit kommt über den Körper auf die Rezeptoren des Glücks, sodass das Publikum beim Schlusspotpourrie enthusiastische Beatunterstützung leistet. Ein tolles Geschehen, nicht nur für Familien und Freunde.

Aufführungen bis 13. Juni - www.salzburger-landestheater.at
Bilder: Landestheater/Anna-Maria Löffelberger

 

DrehPunktKultur - Die Salzburger Kulturzeitung im Internet ©2014