asdf
 

Die Lust, fremd zu gehen

CD-KRITIK / BACH-BEARBEITUNGEN

14/03/12 Önologen werden vielleicht die Nasen rümpfen, aber der junge Blockflötist Stefan Temmingh argumentiert in etwa so: Erst wenn man den Wein in Pappbecher gießt, bringt man ihn wirklich um. Unterschiedlich geformte Gläser lassen hingegen unterschiedliche Duftstoffe anders gewichtet hervortreten.

Von Reinhard Kriechbaum

Drum also eine CD mit geläufigen Bach-Werken – aber ein jedes in neuem Gebinde kredenzt: „Jahrgang 1685 – Edle Tropfen neu ausgeschenkt“ übertitelt Temmingh seinen Beitrag im Booklet.

Als Blockflötist kommt man bei Bach natürlich in besondere Versuchung, fremd zu gehen. Hat man sich erst mal an jenen beiden Brandenburgischen Konzerten und an der Hand voll Kantaten, die eine Blockflöte verlangen, abgearbeitet, dann ist man auch schon am Ende mit den Original-Optionen in Sachen Thomaskantor. Es locken logischerweise Seitenblicke, etwa zu den kantableren der Cembalosuiten – im konkreten Fall hat sich Stefan Temmingh für die Zweite Englische Suite und die „Französischen“ Pendants Nr. 3 und 5 entschieden. Sehr genau spürt er dem jeweiligen Charakter nach, nimmt auch mal Flöten in D-Stimmung. Sogar ein Instrument in Es-Stimmung, unter anderem für eine Übertragung des Siciliano aus der Violinsonate in c-Moll. Stefan Temmingh ist ja einer, dem der Gesang auf der Blockflöte ein besonderes Anliegen ist. Das feine Wechselspiel aus Atemdruck und Geschwindigkeit des Luftstroms reizt er aus, ohne die Intonation kippen zu lassen. Aber dann lässt er wieder den Erzmusikanten raus in den raschen Suitensätzen, wobei die wie abgeschnitten wirkenden Schlusstöne einen Manierismus der charmanten Art abgeben.

Wenn man beim Vergleich mit dem Wein bleibt: Es bringen die beiden Partner an Laute und Gambe logischerweise neue Ingedienzien heraus, wo sonst eben Finger auf Tasten drücken und Kiele an Saiten reißen. Übrigens zeigen Domen Marin?i? und Axel Wolf nicht weniger Lust am instrumentalen Seitensprung als ihr blasender Kollege: Ersterer lässt sich lustvoll ein aufs Pedal-Exercitium und springt von Saite zu Saite, wo sonst die organistischen Pedalritter ihre Beine spreizen und die Musik auf Spitze und Absatz tänzeln lassen. Und Axel Wolf hat das D-Dur-Präludium – eigentlich fast eine Domäne der Geiger – an sich gerissen (das liegt nahe, gibt es in dem Fall doch wirklich eine Bach’sche Übertragung). Mit viel agogischer Freiheit horcht er den immanenten Akkordfolgen nach.

Nahe lag es, den Triosatz „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ auf die drei Instrumente zu verteilen (die Gambe übernimmt den Choral). Und zum Schluss, ganz besinnlich, die g-Moll-Fuge für Laute – da streiten ja die Gelehrten darüber, ob die Version von Bach oder von jenem Herrn Weyrauch stammt, der die Noten in Tabulatur geschrieben hat.

Johann Sebastian Bach, French & English Suites. Stefan Temmingh (Blockflöte und Leitung), Domen Marin?i? (Viola da Gamba), Axel Wolf (Laute). Oehms Classics OC 795 - www.oehmsclassics.de

 

DrehPunktKultur - Die Salzburger Kulturzeitung im Internet ©2014