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Herr Prälat auf der Jagd nach dem verlorenen Schatz

IM PORTRÄT / JOHANNES NEUHARDT

07/07/23 Als Peter Handke Literaturnobelpreisträger wurde, erinnerten wir uns, dass der Dichter in seinen Salzburger Jahren ja Mitglied einer erlauchten Tarock-Runde war. In Der Chinese des Schmerzes hat er dieser ein literarisches Denkmal gesetzt. Vor allem einer wird da oft zitiert: „Der Priester“. Und das ist Prälat Johannes Neuhardt.

Domkapitular, Domdechant und als Kunsthistoriker über Jahrzehnte Leiter des Dommuseums und Diözesankonservator: Der unterdessen 92jährige Johannes Neuhardt feiert am 12. Juli ein rares Fest das 70-Jahre-Priesterjubiläum. Eine Ausnahmegenehmigung des Papstes war für seine Priesterweihe notwendig, weil Neuhardt, 1930 in Salzburg geboren, dafür am 12. Juli 1953 eigentlich noch um 14 Monate zu jung war. Bis heute gab es nie einen jüngeren Priester in der Erzdiözese Salzburg. Braucht man da noch daran erinnern, dass Neuhardt 51 Jahre lang als Diözesankonservator wirkte – länger als jemals ein anderer seiner Kollegen.

Johannes Neuhardt ist der Salzburg-Intimissimus schlechthin. Nach so langer Zeit als kirchlicher „Schatzzwerg“ (pardon, es ist seine eigene Formulierung) ähnelt er einem lebenden Lexikon. Gerade sein Wissen um rare Stücke in Privatbesitz hat er immer wieder für Sonderausstellungen im Dommuseum eingesetzt, das er 1974 gründete und dessen Direktor er bis 1994 war. Mit Nora von Watteck hat er im damals neuen Museum die Kunst- und Wunderkammer eingerichtet – und das ist kennzeichnend für sein Selbstverständnis als Ausstellungsmacher: Auch vermeintlich „trockene“ Themen hat er immer für den Betrachter haptisch aufzubereiten gewusst.

Auch andere Museen tragen diese seine Handschrift, zum Beispiel das Augustinermuseum in Rattenberg (Tirol) oder die Schatzkammer in der Wallfahrtskirche Maria Kirchental. Neuhardt hat den Kardinal-König-Kunstfonds ins Leben gerufen. Der alle zwei Jahre vergebene Preis dieser Stiftung geht nicht zuletzt auf sein persönliches Mäzenatentum zurück.

Neuhardt ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Man kann sich lebhaft die nächtliche Szene vorstellen, als er persönlich den Zugtransport von Pretiosen aus dem einstigen Domschatz, die sich jetzt im Palazzo Pitti in Florenz befinden, überwachte. Was war geschehen? Neuhardt im Schlafwagen, der Gepäckwagen aber nächtens abgehängt irgend woanders in der italienischen Pampa. Herr Prälat auf der Jagd nach dem verlorenen Schatz...

Ausstellungen sonder Zahl hat Neuhardt organisiert und damit manches für Salzburg wichtige Thema erhellt, vom Wallfahrtswesen über Objekte der Volksfrömmigkeit oder das nur hier betriebene Kunsthandwerk des beschnitzten Steinbockhorns. Seinem Namenspatron, dem Johannes Nepomuk, gilt seine besondere Liebe – und wie er eine Reliquie dieses Heiligen, die ominöse Nepomuk-Zunge, als Stück Kleinhirn entlarvte, ist auch so eine Schnurre, die man gerne erzählt bekommt.

Bei einem Treffen mit dem Schreiber dieser Zeilen hat Neuhardt nicht ohne Stolz seine Gästebücher auf den Tisch gelegt. Da fehlt kein Name, vom Regisseur Jürgen Flimm (der so manchen persönlichen Brief an Neuhardt kokett mit „der Ketzer“ unterschrieb) bis zum ehemaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl. Diese Gästebücher könnten einmal Sozialhistorikern unschätzbares Material liefern: Wer aller sich bei diesem weltoffenen und an intellektuellem Austausch interessierten Domherrn die Türklinke in die Hand gab...

Eine ganz empfindliche Grußbotschaft hat Neuhardt aber nicht bei sich daheim liegen, sondern dem Literaturarchiv Salzburg übergeben. Es ist ein Stück Birkenrinde mit einem handschriftlichen Weihnachtsgruß von Peter Handke: „Auch die Natur hat Zeilen?“ schrieb der spätere Nobelpreistärger anno 1986.

Über dem von Johannes Neuhardt eifrig betriebenen Dialog zwischen Kirche, Kunst und Wissenschaft darf man Neuhardts pastorales Wirken nicht übersehen: Besondere Verdienste erwarb er sich um den Auf- und Ausbau der Telefonseelsorge, deren geistlicher Leiter er viele Jahre war. Seine besondere Affinität zu Presse, Hörfunk und Fernsehen machte ihn zum gefragten Ansprechpartner auch für die Medien.

Bilder: dpk-krie

 

 

 

 

 

 

 

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