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Als die Maler ganz rasch fotografieren lernten

RUPERTINUM / BILDERWENDE. ZEITENWENDE

03/04/25 Um 1840 gab es ausschließlich reisende Porträtfotografen. Auf Jahrmärkten schlugen sie – im Wortsinn – ihre Zelte auf. Die lichtempfindlichen Materialien verlangten schließlich nach einer mobilen Dunkelkammer. Schon zehn Jahre später war es vorbei mit diesem Erwerbszweig. Plötzlich gab es zu Dutzenden ortsansässige Fotografen.

Von Reinhard Kriechbaum

Die Kundschaft hatte Gefallen gefunden an der neuen Lichtbildnerei, die Nachfrage war groß. Balde&Werg hieß beispielsweise ein solches Start up, ansässig in Salzburg, Herrengasse Nr. 190. „Fotografisches Atelier“ stand auf dem Firmenstempel, aber auch „Porträt- und Landschaftsmaler“. Da haben sich also Leute, die vorher mit Porträtmalerei ihre Brötchen verdienten, flexibel auf die neue Technik umgestellt. Ein Herr Prziborsky in Hallein hatte auf seinem Geschäftsschild „Uhrmacher und Photograph“ stehen. Auch er hat die wohl die Gunst der Stunde genutzt und umgesattelt.

Mit der Ausstellung Bilderwende. Zeitenwende gastiert das Salzburg Museum im Rupertinum. Erst jüngst hat man für eine Schau im Fotohof die Bestände nach Salzburg-Veduten unbekannter Fotografen durchforstet. Jetzt geht es konkret um die Frühgeschichte der Lichtbildnerei, von den Anfängen bis in die 1870er Jahre, vorgestellt in 229 Originalfotografien aus vier Jahrzehnten. Sie erzählen vom Wandel der Salzburger Gesellschaft, dokumentieren den technischen Fortschritt und damit die Umgestaltung der Stadt.

Der aus Wien stammende Johann Baptist Scheidl, eigentlich ein Bildhauer, war der erste niedergelassene Fotograf in der Stadt Salzburg. 1850 eröffnete er sein Geschäft an der Adresse Hannibalplatz Nr. 534 (heute Makartplatz 1). Binnen kürzester Zeit herrschte eine große Dichte an Ateliers, nicht nur in der Landeshauptstadt. Auch in Mattsee, Seekirchen, Hallein, Golling und Bischofshofen und Gastein boten Fotografen ihre Dienste an.

Im August 1839 hatte sich das Rennen um die Fotografie entschieden: Louis Daguerre (1787-1851) erhielt das erste Patent für die in einer Camera obscura (Lochkamera) belichteten Silberplatten bzw. versilberten Kupferplatten (Daguerreotypie). Das war freilich ein Unikatverfahren und teuer. Zum entscheidenden Durchbruch verhalf der Fotografie erst William Henry Fox Talbot (1800-1877). er entwickelte das Negativ-Positiv-Verfahren, fortan waren Abzüge möglich. Damit war die Fotografie auch weniger begüterten Menschen zugänglich.

Porträts boomten, lösten das gemalte Bild ab. Eine preisgünstige Variante, auch wenn man der Buntheit mit Aquarellfarben nachhalf. Einnehmend ist das Foto einer Harfenspielerin, das so fein nachbearbeitet ist, dass man es auf den ersten oberflächlichen Blick für eine Malerei halten könnte. Und ein Mädchenporträt in einem mit Samt bezogenen Rahmen zum Hinstellen lässt erahnen, wie kostbar der Familie diese Fotografie wohl war.

Gesellschaftliche Anlässe der besseren Gesellschaft machten auch den Fotografen Beine, vor allem aber Faschingsmaskeraden. Ein gewisser Heinrich Fichtl hat die Mitglieder der Salzburger Liedertafel porträtiert und karikiert. Erste photografische Expedition zur Aufnahme deutscher Liedertafler heißt seine köstliche Bilderserie. Hugo Graf Lamberg bekleidete von 1872 bis 1880 das Amt des Landeshauptmanns von Salzburg, er ließ sich oft und gerne ablichten im Kreis von Menschen, die ihm wichtig, weil seiner Karriere dienlich waren.

Toll, was man vor einem Vierteljahrhundert in Bad Hofgastein entdeckte. Anna Wesenauer hieß die erste Fotografin dort, ihre Porträtaufnahmen wurden hoch gehandelt. Jedenfalls erachtete man sie so wichtig, dass Fotos in einer Zeitkapsel in der Kirchturmspitze für die Ewigkeit eingeschlossen wurden.

Zwei wesentliche Salzburger Innovationen fielen in die Jahrzehnte, als sich die Fotografie etablierte: der Bau der Eisenbahn und die Regulierung der Salzach (womit das Schleifen der ehemaligen Stadtbefestigung einher ging). Der neue Bahnhof und die Kaiserin-Elisabeth-Westbahn wurden durch Kaiser Franz Joseph I. und König Maximilian II. Von Bayern eröffnet. Mondäne Villen, Hotels und Geschäftsbauten entstanden in der Elisabethvorstadt und an den neu aufgeschütteten Salzach-Ufern.

Die Zeitenwende hin zur Moderne wurde von den ansässigen Fotografen systematisch dokumentiert. Aufnahmen von Johann Baptist Scheidl, Baldi & Würthle, Hermann Heid, Andreas Groll und zahlreichen weiteren Pionieren der jungen Fotokunst belegen diese neuerliche planvolle Stadtentwicklung eindrucksvoll. Stereoskope erlauben den 3D-Blick auf die fotografierten Stadt-Veduten – ein veritabler Hit, den sich jeder bürgerliche Haushalt ab Mitte des 19. Jahrhunderts ins Wohnzimmer holen wollte.

Was aber taten nun jene wandernden Fotografen, die früher mit der Porträtfotografie ihr Geld verdienten? Sie widmeten sich jetzt verstärkt der Landschaftsfotografie, auch in exotischen Ländern. Das Bürgertum war dankbar für diese Möglichkeit des „Fern-Sehens“. Ein hübsches Foto zeigt einen solchen Fotografen in Aktion: Ein hölzerner Karren diente ihm als mobiles Atelier, das Ungetüm von Kamera war oben auf dem Dach an einem Stativ befestigt. Wenn heutzutage von Autos aus Aufnahmen für Google Earth gemacht werden, sieht das gar nicht so anders aus...

Bilderwende. Zeitenwende. Geschichte der frühen Fotografie in Salzburg 1839-1877. Bis 19. Oktober im Museum der Moderne Salzburg/Rupertinum – Zur Ausstellung ist ein dickleibiges Buch in der Edition Fotohof erschienen (39 Euro) – www.salzburgmuseum.at; www.museumdermoderne.at
Bilder: dpk-krie

 

 

 

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