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Präludien einer Grenzüberschreitung

DIALOGE / POPPE / BACH / PERSISCHE MUSIK

06/12/10 Der zweite Abend der Enno Poppe gewidmeten „Dialoge“ brachte weitere Facetten im Werk des deutschen Komponisten - vor allem aber ein virtuoses Ende: Hossein Alizadeh und Madjid Khaladj führten vor Augen, dass eine Verengung des musikalischen Horizonts auf die europäische Tradition nicht das Gebot der Stunde sein kann.

Von Harald Gschwandtner

altSchon 2006 hatte Peter Ruzicka Poppes „Salz“ bei den „Dialogen“ dirigiert. Am Freitag (3.12.) fand diese Verbindung im Großen Saal des Mozarteums ihre Fortsetzung – und das wie immer bei den „Dialogen“ in einem anregenden Wechselspiel zwischen Tradition und Moderne. Hatte am Eröffnungstag noch das oenm sein Können gezeigt, war es nun die Camerata, die Werke von Carl Philipp Emanuel Bach, Enno Poppe und Peter Ruzicka selbst zum Besten gab.

Poppe habe sich Bach als Rahmung für diesen Abend ausgesucht, da er ihn als einen Grenzüberschreiter und Experimentator ansehe, erläuterte Ruzicka eingangs. Was er damit gemeint haben könnte, zeigte die Camerata schon im ersten Stück eindrücklich. Die feinen Bläsersoli im Allegro di molto der D-Dur-Symphonie brachten zwar einerseits barockes Flair, deuteten aber auch dessen Überschreitung und Erweiterung an.Kundig und spielfreudig präsentierte sich das Kammerorchester.

altNach einer kurzen Umbaupause, die das Schlagwerk ins Spiel brachte und das Cembalo durch einen Konzertflügel ersetzte, stand Ruzickas „…über die Grenze“, ein Konzert für Violoncello und Kammerorchester, auf dem Programm.

Körperlos und gläsern setzten die Streicher ein, der oft fragile Ton des Cellos (Peter Sigl) verstieg sich nur selten in melodiöses Ebenmaß. Die Einsätze der Blechbläser ließen an vieles erinnern, manchmal gar an Wagner. Voller spielerischer Einfälle präsentierte sich das 2009 uraufgeführte Konzert, was das Publikum dem Dirigenten und Komponisten in Personalunion auch freundlich dankte.

altDen zweiten Teil des Abends eröffnete Enno Poppes erst in diesem Jahr entstandenes Stück „Speicher I“ für großes Ensemble, das sich als ebensolcher für verschiedenste Stile und Einflüsse präsentierte. Beinahe übervoll schien die Vorratskammer des Komponisten mitunter zu sein, wenn Anklänge an Jazzstandards mit tänzerischen Elementen in der ersten Geige und Grundierung durch die Bassdrum abwechselten.

Abseits der dissonanten Klimax in der Mitte zeigte sich der „Speicher“ dort am stärksten, wo – so könnte man in der Fortführung des Bildes meinen – die Türe zu ihm aufgestoßen und am Ende wieder geschlossen wurde – mit fein gefügten Streicherklängen. Anschließend kam man auf den zweitgeborenen Bachsohn zurück und mit der Symphonie in Es-Dur barocker Glanz in den Saal. Gerade das Larghetto bestach in seiner wunderbaren Getragenheit.

altUnd doch wirkte all das am Ende bloß wie ein Präludium zum überraschenden wie virtuosen Schlussabschnitt des Abends.

Mancher Besucher mochte ein ungefähres Bild von persischer oder iranischer Musik im Kopf gehabt haben. Möglich auch, dass der orientalische Teppich, der in der zweiten Pause auf die Bühne gebracht wurde, vorhandene Stereotypen noch verstärkte. Was dann jedoch folgte, ließ alle Klischees augenblicklich in den Hintergrund treten. Mit unglaublich facettenreichem und technisch hoch anspruchsvollem Spiel versetzten Hossein Alizadeh und Madjid Khaladj die Zuhörer in fasziniertes Staunen.

Vor allem die rhythmische Brillanz Khaladjs an Trommeln und Handzimbeln führte vor Augen, dass eine Verengung des musikalischen Horizonts auf die europäische Tradition nicht das Gebot der Stunde sein kann. Gebannt lauschte das Publikum den Improvisationen, forschte wohl innerlich nach dem Eigenen im Fremden, dem Fremden im Eigenen. Ob die Dramaturgie des Abends dies so vorgesehen hatte oder nicht, sei dahingestellt. Jedenfalls endete die zweite Veranstaltung der „Dialoge“ mit überschwänglichem Applaus und Standing Ovations der staunend zurückgelassenen Besucher.

Bilder: SMS
Diese Kritik entstand im Rahmen des Proseminars Kulturjournalismus "Palimpsest und Festplatte", das in diesem Wintersemester von dpk-Chefredakteurin Heidemarie Klabacher am Fachbereich Germanistik geleitet wird.

 

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