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"Dirigieren fängt beim Sesselstellen an"

BUCHBESPRECHUNG / BALDUIN SULZER

29/12/10 Welcher Musiklehrer kann schon stolz darauf sein, dass es ein Schüler zum Staatsopern-Musikchef und - in ein paar Tagen ist es so weit - zum Dirigenten des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker gebracht hat? - Ein Buch über das "Phänomen Balduin Sulzer" (Copyright Franz Welser-Möst).

Von Reinhard Kriechbaum

Manchmal sagt der 1932 geborene Balduin Sulzer scherzhaft über sich, dass er "Notenkugeln zusammenkehrt" - und meint damit seine Tätigkeit als Komponist. Über sein Arbeitszimmer im Stift Wilhering schreibt Buchautor Norbert Trawöger: "Handelt es sich hier um eine Versuchsstation für den Weltuntergang oder einen überwältigend wuchernden Paradiesgarten? Nichts oder vielleicht doch etwas von beidem kann es sein. Diese dionysische Höhle ist das Zentrum des Universums Sulzer."

Pädagoge, Komponist, Kirchenmusiker und Mönch: Norbert Trawöger hat aus dem Vollen schöpfen können. "Herr Lehrer" haben die Schüler respektvoll zu Sulzer gesagt - und unter ihnen waren eben so namhafte wie Franz Möst (damals noch Geigenstudent und ohne "Welser" Attribut im Namen). Oder der Tenor Kurt Azesberger. Überhaupt hat Balduin Sulzer, Gründer und von 1974 bis zu seiner Pensionierung musikalischer Leiter des Linzer Musikgymnasiums, unmittelbar oder mittelbar Generationen von Schülern beeinflusst, geprägt.

Als der ehrgeizige Franz Möst seinen Lehrer fragte, ob er nicht mal ein Konzert leiten dürfe, bekam er zu hören: "Wenn du ein Konzert dirigieren willst, musst du es dir selbst organisieren. Dirigieren fängt beim Sesselstellen an." Ähnliches erzählt - und praktiziert - übrigens auch Elisabeth Fuchs, die Leiterin der Jungen Philharmonie Salzburg. Sie habe das Ensemble seinerzeit gegründet, eben weil Balduin Sulzer ihr geraten hat: "Wennst dirigieren willst, brauchst ein eigenes Orchester."

"Seine Art macht Egoisten zu Individualisten und 'Herdentiere' zu teamfähigen Kollegen", urteilt einer von Sulzers Schülern, der auch seinen "grenzenlosen Humor" lobt. "Virtuos pendelte er zwischen einem Kabarettisten- und einem Dompteurdasein hin und her …. Seine Spielfläche war immer die Praxis, der konkrete Anlass." So Norbert Trawöger in jahrzehntelanger Vertrautheit mit Balduin Sulzer.

"Jeder, der an sich arbeitet, hat ein Recht darauf, ernst genommen zu werden - über das eigene Talent kommt ohnehin niemand hinaus." Eine der Aussagen Sulzers, die eingerahmt in Lehrerzimmern vielleicht wichtiger wäre als das Konterfei des Bundespräsidenten. Für pointierte Sätze ist Balduin Sulzer sowieso immer gut. Zum Stichwort "Missa solemnis" sagt der ehemalige Linzer Domkapellmeister und Mönch im Stift Wilhering: "Ekstatische Sakralmusik mit rauschhaft-lustbetontem Credo-Schluss; als wäre es ein pures Vergnügen, mit den soeben dargebotenen Glaubensartikeln vorbehaltslos einverstanden zu sein."

Norbert Trawöger: Balduin Sulzer. 96 Seiten, mit beiliegender CD mit Werkausschnitten. Trauner Verlag, Linz 2010. 25.- Euro - www.trauner.at

 

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