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Schlagzeilen mit Köpfen

UNIVERSITÄT MOZARTEUM / JELINEK / EIN SPORTSTÜCK

21/01/13 Sport ist nicht nur Mord. Sport ist Krieg, ist Tod. Tod auf dem Schlachtfeld - ja auch. Vor allem aber im Alltag: Tod im Krieg zwischen Mutter und Sohn, Vater und Tochter. Zwischen Kritiker und Autorin. Zwischen Patientin und Schönheitschirurg. Zwischen Showmaster und Publikum - einer manipulierbaren Masse, die sich ausliefert auf Gedeih und Verderb.

Von Heidemarie Klabacher

„Ein Sportstück“ von Elfriede Jelinek erlebte fast auf den Tag genau 15 Jahre nach seiner Uraufführung am 23. Jänner 1998 im Burgtheater in Salzburg eine fulminante Premiere: Die Abteilung Schauspiel und Regie der Universität Mozarteum hat zusammen mit der Abteilung für Bühnengestaltung im Theater im Kunstquartier eine packende Produktion hingelegt. Hingefegt.

Leichen. Schon beim Einlass liegen sie auf der schwarzen leeren Bühne. Nichts regt sich. Ein Fuß in einem Adidas-Turnschuh ragt ein wenig hervor. Eine Turnerin im goldenen Trikot balanciert auf den Verwesenden herum, lässt weißes Magnesia rieseln. Streut Kalk über die Leichen im Massengrab.

Alsbald springen die Kinder der Toten auf, werfen sich in die Brust und ins Geschirr. Thera-Bänder in rot, blau oder gelb sind ja sonst für sanftes Dehnen und therapeutisches Krafttraining gut. Auf der Bühne im Theater im Kunstquartier hängen sie in schwarzen Schleifen von der Wand wie Fesseln. Enorm starke Bänder müssen das sein: Die Athletinnen und Athleten stemmen und stürzen sich mit ganzer Kraft in die Schlaufen. Lässt die Anspannung nach, schnellen und krachen die Körper zurück an die Wand.

Vom „Bänder überdehnen“ ist die Rede. Viele Bedeutungen in ein Wort packen - und die Wörter beim Wort nehmen - ist ja der zentrale Kniff Elfriede Jelineks: Überdehnt, wie die Gummibänder an der Bühnerückwand fühlen sich alsbald auch die Bänder der Besucherknie an. Dabei ist man grade erst am Anfang des zweistündigen Marathons. Aber wie ein guter Trainer lässt Regisseurin Tina Lanik Kraft- und Ausdauer-, Stretching- und Ruhephasen in ständigem Wechsel aufeinander folgen. Das Ergebnis: maximale Bühnenwirksamkeit. Das Spannungsniveau hält, egal ob in Kampf und Action oder in Stille und Reflexion. Auch die musikalische Qualität, die schon diese frühe Jelinek’sche Textfläche prägt, wird brillant herausgearbeitet. Sprechtechnisch sind die jungen Darstellerinnen und Darsteller ebenso in Topform, wie bewegungs-, ja tanztechnisch.

Aus den (meist eher bewegten und von Mirjam Klebel präzise und schnell choreographierten) Massenszenen der Chorpassagen treten einzelne Darstellerinnen und Darsteller als Solisten hervor. Der Tumult ebbt ab. Zu Wort kommt eine Mutter, die ihren Sohn zugleich bei sich (am besten im Bauch) behalten und zugleich als Helden in die Arena (egal ob Schlacht- oder Fußballfeld) schicken will. Zu Wort kommt der Andi von der Pack, eine reale Figur, ein Bodybuilder, der seinem Idol „Arnie“ soweit nachgeeifert hat, dass ihm die Anabolika die Eingeweide zerfressen haben. Die Muskeln schwellen an wie Luftballone, wie Luftballone platzt auch die ganze Blase eines sinnlosen Lebensentwurfes. Zu Wort kommen die professionelle Witwe, der Schönheitschirurg, der Talkshowmaster oder die jugendlichen Gewalttäter der Spaßgesellschaft: „Das Töten dürfen dann wir für euch übernehmen…“

Und immer wieder ergreift im Sportstück die Autorin selber das Wort. Wehrt sich, teils aggressiv, teils resigniert, gegen die immergleiche Kritik. Zwei der Darstellerin sind sogar ein wenig auf Elfriede Jelinek gestylt, mit markantem Dutt und – bei Bedarf – mit schwarzer Brille. Auch hier hütet man sich vor Übertreibung, alle Gags werden mit leichter Hand gestreut.

„Ein Sportstück“ ist die Abschlussproduktion des 4. Jahrgangs der Abteilung Schauspiel und Regie der Universität Mozarteum. Es spielen Clemens Ansorg, Diana Ebert, Sofie Gross, Robert Herrmanns, Tim-Fabian Hoffmann, Agnes Kammerer, Johannes Lange, Josephine Raschke, Martin Trippensee und Simon Werdelis. Noch einmal kräftigen Applaus und laute Bravi für jede und jeden einzelnen als Solisten, aber auch für alle zusammen als lustvoll agierendes und genau aufeinander hörendes Ensemble.

Bühnenbild und Kostüme schufen Loriana Casagrande, Sophie Marie Frauscher, Linda Hofmann, Janna Keltsch und Amelie Klimmeck, Studierende des dritten Jahrgangs der Abteilung Bühnen- und Kostümgestaltung. 

„Ein Sportstück“ – weitere Aufführungen am 25. und 26. Jänner, 2. und 3. Februar, jeweils 20 Uhr im Theater im Kunstquartier - www.uni-mozarteum.at
Bilder: Universität Mozarteum




 

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