Sieben Wege in h

ASPEKTE ONLINE

08/03/21 Das mit der „fernöstlichen Ruhe und Gelassenheit“ stimmt tatsächlich, wie das Konzert der C-Camerata Taipei bei den Aspekten eindrücklich bestätigt. Ganz ohne Exotismus und sonstige Klischees zu bedienen. – Einer der insgesamt acht Kandidaten dringend anempfohlen zum Nach- und Wieder-Hören. Gelegenheit ist die nächsten drei Monate!

Von Heidemarie Klabacher

Samuel Beckett ist der heimliche Held dieser Aspekte. Die Performance The Lost Ones von Marco Döttlinger zu Beginn des Festivals beruht zumindest imaginativ auf einem Text des Nobelpreisträgers. Aber auch das Stück von Agata Zubel Not I für Sopran und sechs Instrumente aus 2010, basiert auf Beckett: Das Original ist ein Monolog für eine Schauspielerin, von der, auf schwarzer Bühne, nur der sprechende Mund in Großaufnahme zu sehen sein soll (legendär). Die Komponistin Agata Zubel, die beim Aspekte Konzert des Ensembles PHACE auch als Vokalistin zu erleben war, lotet nicht nur die Artikulationsmöglichkeiten des Stimm-Apparates aus (was ja schon 2010 nicht besonders neu gewesen wäre). Das zeitlos Packende, besonders angesichts traumatisierter Menschen, wie sie nicht nur aktuelle „Flüchtlingskrisen“ und Kriege produzieren: Das Stück versucht zu zeigen, wie es ist, nach Jahren und Jahrzehnten des Schweigens, den Stimm-Apparat wieder zu benützen. Das zeugt, im Stück von Zubel, einerseits von erstaunlicher Resilenz, so schnell, wie beinah stimmakrobatische Motive wieder „funktionieren“, zugleich von erstickender Qual. Ein beeindruckendes Werk, eine grandiose Performance des Ensemble Phace und der Vokalistin unter der Leitung von Lars Mlekusch.

Von großer Ruhe, auch im dramatischen Affekt, und souveräner Beherrschung kompositorischer Mittel zeugte die Uraufführung (eine von sechs Uraufführungen im Festival insgesamt) von Alexandra Karastoyanova-Hermentins Tschinar für Ensemble aus 2020, von dem nicht nur die delikaten Klavierpassagen in Erinnerung bleiben werden.

Neben der Uraufführung von Jakob Gruchmanns Traumisolation für Klarinette, Schlagwerk, Violine und Violoncello, einer wunderbare Studio im Pianissimo, trotz schwersten Schlagzeug-Geschützes, spielte das Österreichische Ensemble für neue Musik oenm auch die verblüffend ähnlich besetzte Uraufführung von Klaus Agers Quartett Die Sommernacht für Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier. Ein klanglich so opulentes wie im Satz delikates Stück von immerhin zwanzig Minuten Spieldauer, voller reizvoller rhythmisch verspielter Passagen. Eine Hommage des Festivals an seinen langjährigen Leiter.

Die Aspekte online sind am Sonntag (7.3.) zuende gegangen. Das Festival schließt mit einer aktuellen Erfolgsmeldung am Montag (8.3.). Ludwig Nussbichler, der künstlerische Leiter der Aspekte, freut sich darin über „das vorliegende Ergebnis und über den Spirit für Neue Musik, der die letzten Tage durch die Aspekte entstanden ist“ und fasst zusammen: „Das Programm von 2020 konnte jetzt in einem Online Format beinahe zur Gänze umgesetzt werden. Ich blicke auf hervorragende Interpretationen, die weitere drei Monate im Netz sind und für immer erhalten bleiben. Die acht Konzertaufnahmen bilden ein breites Spektrum an Neuer Musik ab und legen zusätzlich einen Fokus auf den österreichischen Komponisten Johannes Maria Staud.“

Aspekte-Geschäftsführerin Renate Stelzl, bilanziert ebenfalls positiv: „Die Entscheidung, das Festival im coronabedingt dritten Anlauf digital umzusetzen, war auch in Anbetracht des Publikumszuspruchs richtig.“ 3.500 Personen hätten die Konzerte bislang online gesehen. „Die Streamings sind noch bis Mai über aspekte-salzburg.com kostenlos verfügbar, wir erwarten uns weiterhin großes Interesse bei den Zugriffen.“

Die Aspekte-Konzerte zum Nachhören unter - aspekte-salzburg.com
Bilder: Stills aus Konzerten