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Umschwärmt im Mittelalter

CD-KRITIK / LIEBESLIEDER

16/02/21 Das Ideal, das war sonnenklar: die jungfräuliche, reine, unberührte und unberührbare Maria. Aber wer will schon (als Angebetete) ganz und gar unerreichbar sein oder (als Verehrer) so überhaupt nichts erreichen?

Von Reinhard Kriechbaum

Marcia Lemke-Kern hat ein pfiffig-gustiöses Programm aus Trecento-Musik aller Herren Länder und unterschiedlicher musikalischer Gattungen der Epoche zusammengestellt. Am Beispiel höfischer Liebe zeigt sie, dass Ideal und der Ist-Zustand in Gefühl oder Tat auch damals und auch auf höchster gesellschaftlicher Ebene nicht wirklich zusammen gingen.

„O Amor, zeige, was du kannst“, heißt es im Refrain eines madrigalesken Strophenlieds von Jehan de Lescurel (um 1300). Manchmal schießt Amor übers Ziel hinaus, und dann wird scharf geschossen: In „Fata la parte“ (Juan del Encina, Madrid) gilt es, in einem parodistisch überdehnten Trauergesang des Herrn Cotal zu gedenken, der seine Frau mit dem Liebhaber im Bett überrascht hat – das ist schließlich mit Doppelmord ausgegangen. Aber bloß nicht lamentieren, die Angelegenheit mündet in eine lebhafte Stretta für „don espanioleto“: „Auf meinem Bett lehr’ ich dich eine Lektion, dass selbst die Lettern heulen würden!“

Wer vermutete nach 22 Nummern ein solches Ende, wo die Musikfolge doch mit frommen Gesängen an die Gottesmutter ihrem Ausgang genommt hat? Lebefrisch jedenfalls auch der musikalische Zugang, den die Sopranistin Marcia Lemke-Kern, ihre beiden Gesangspartnerinnen und die mit vielen Instrumenten gewandt agierenden Instrumentalistinnen von „Trobar e Cantar“ finden. Solche Inhalte, in denen immer wieder eindeutig Doppelsinniges ausgedrückt wird, wollen süffig aufbereitet sein. Gerne werden die Melodien einstimmig instrumental vorgestellt, sehr oft auf der Blockflöte, seltener auf Rohrblattinstrumenten. So wird man spielerisch hinein gezogen in die hier gar nie herb anmutende Welt. Das heißt natürlich nicht, dass das Ensemble etwa für Guilleaume de Machauts isorythmische Motette „Sans Cuer/Amis, dolens/ Dame, par vous“ nicht den rechten stil-kontrollierten Duktus fände.

Das Joviale tut durchaus gut, weil ja kaum ein Aspekt des Liebeslebens ungebrochen rüber kommt. Drei Frauen spazieren an den Strand. „Eine schöne Frau soll man lieben / und ihre Liebe hüten, wenn man sie hat“, singt eine, wohl aus Erfahrung klug. Die zweite: „Du nahmst mich im Walde, bring mich zurück!“. Und die dritte: „Ich bin braun, und braun soll mein Liebster sein.“ Es war wohl auch im Spätmittelalter nicht leicht, Liebhaber umschwärmter Frauen zu sein...

De Fine Amour. Erzählungen von höfischer Liebe. Musik von Machaut, de Lescurel und del Encina; anonyme Lieder und Tänze aus Codices des 13. und 14. Jahrhunderts. Ensemble Trobar e Cantar, Ltg. Marcia Lemke-Kern. Paschenrecords (180052) – www.paschenrecords.de

 

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