Andere haben sich schon früher erinnert

altVon Heidemarie Klabacher

Dem Kruzifixus gegenüber streichen wir unser Brot. …. Wir feiern, um die Gerechtigkeit auszugleichen. Es ist uns verboten worden, am Wochenende zu den Eltern nach Hause zu fahren. Man hat uns dabei ertappt, wie wir abends im Schlafsaal Geschichten erzählten, als das Licht nicht mehr brannte. Zu gewissen Zeiten ist es verboten, Geschichten zu erzählen - und die Nacht ist eine gewisse Zeit. Sie beginnt mit dem Löschen des Lichts um 21Uhr und endet mit dem Wecken um 6 Uhr 30.

Das ist aus Barbara  Frischmuths Roman „Die Klosterschule“: Unsere Auflage des Rowohlt-Buches in der Reihe „neue Frau“ ist die vom März 1986 „82. - 86.Tausend“. Das Copyright der Originalausgabe lag 1978 beim Residenz Verlag. Bingo! Das war damals ein richtig wichtiger Verlag mit edlem Firmensitz - quasi gegenüber vom Borromäum. Aber von der beißenden Ironie, die Wolf Haas’ „Silentium“ so vergnüglich und immer wieder lesbar macht, ist Barbara Frischmuths „Klosterschule“ himmelweit entfernt. Hat man den schmalen Roman seit „damals“, also seit der Maturazeit, überhaupt je wieder aufgeschlagen? Die Erinnerungen an Beklemmendes, Beängstigendes trügen nicht, wie sich beim Blättern herausstellt.

Es geht aber noch weit schlimmer, in der guten alten Zeit, der Kaiserzeit: 1906 ist Robert Musils erster Roman erschienen: "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß". Der spielt nicht in einer kirchlichen Erziehungsanstalt, sondern im System der k.u.k. Kadettenausbildung. Und auch hier sind Wurzeln dessen zu Suchen, was in der NS-Zeit restlos pervertiert wurde - und in diesen Tagen rundherum aufbricht. Die Autorinnen und Autoren aller Epochen haben "das" gewusst oder gespürt - und in ihren Werken verarbeitet. Man braucht die Bücher nur zu lesen.  

Nun zählte Beineberg die Schandtaten Basinis auf, gleichmäßig mit heiseren Worten. Dann die Frage: „Du schämst dich also gar nicht?“ Dann ein Blick Basinis auf Reiting, der zu sagen schien: „Nun ist es wohl schon an der Zeit, daß du hilfst.“ Und in dem Augenblick gab ihm Reiting einen Faustschlag ins Gesicht, so daß er rückwärts taumelte, über einen Balken stolperte, stürzte.“ … schließlich vernahmer nur noch ein Stöhnen, wie ein unterdrücktes Geheul, und dazwischen halblaute Schimpfworte und die heißen leidenschaftlichen Atemstöße Beinebergs.“

Hier haben sich die Zöglinge selber das Leben zur Hölle gemacht. Der Zögling Musil ist nicht General geworden.

Aktueller denn je: Peter Paul Kaspars Buch „Knabenseminar. Ein Nachruf“, das 1997 bei Otto Müller erschienen ist. Der bekannte Theologe und Musikologe erzählt aus seiner Jugend im „Erzbischöflichen Knabenseminar Hollabrunn“, wo der spätere Kardinal Hans Hermann Groer sein Lehrer war.

Die Betragennote im nächsten Zeugnis lautete auf: Gut. Wie üblich. Doch im Ablauf der Lateinstunde hatte sich etwas geändert. Der Schüler K. wurde ignoriert. Er wurde monatelang nicht aufgerufen, obwohl doch sonst jeder mehrmals die Stunde drankam. Zwar gab es keine Ankündigung des Professors für den nahenden Lateintod. Aber man hatte auch so verstanden. Hier sollte das nächste Opfer auf kleiner Flamme gebraten werden. Bei den Schularbeiten würden ihm schon die Nerven durchgehen. Man würde schon sehen. Im Jargon des Lateinlehrers hieß diese Art von Schulfolter mit tödlichem Ausgang: ‚aufs Eis legen’. Nicht erst einmal hatte ein auf Eis gelegter Mitschüler ‚ins Gras gebissen’ - wie ein anderer gängiger Lehrerspruch zu verheißen pflegte. Der Lateinprofessor war kein Freund leerer Versprechungen. Die Schularbeiten waren trotzdem in Ordnung. … Die Zeugnisnote war zwar um einen Grad schlechter als der Durchschnitt der Schularbeitsnoten - doch er hatte überlebt.

(Nicht überlebt hat - im Gegensatz zu seinem Autor - "Der Schüler Gerber". Torberg und Gerber haben ein "normales" staatliches und kein kirchliches Gymnasium besucht. Dies nur nebenbei.)

Auch in Hollabrunn waren die Duschen im Keller (wie in „Silentium“, das ist anscheinend so) und Kaspar schildert die Vorgänge nicht ohne Ironie: Es herrschte eine genaue Organisation mit ausgeklügeltem Zeitplan und lückenloser Aufsicht. Immerhin mussten in den Nachmittagsstunden jeden Freitag alle Seminaristen von der achten bis zur ersten Klasse durch dieselben vierzehn Duschkabinen geschleust werden. Und ohne jegliche Möglichkeit, die naturgegebene Schlüpfrigkeit  des Reinigungsvorganges in eine moralische umschlagen zu lassen.

Keine Anklage am Schluss, nach der Matura: Die seelischen Kämpfe und Krämpfe, die Konflikte und Misserfolge begannen zu schrumpfen - und bald lagen die acht Seminarjahre wie eine ferne und mit der Entfernung verkleinerte Landschaft harmlos und fast lieblich anzuschauen hinter dem kräftig ausschreitenden Wanderer. Der Blick hatte den Zorn verloren. Die Heilung hatte begonnen.“

Und dann im Nachwort - 1997 wohlgemerkt - blickt der Autor „mit einer Mischung aus Unmut und Dankbarkeit auf diese Zeit zurück“: „Unmut, weil er die damals herrschende extrem autoritäre Pädagogik ebenso ablehnt, wie die verklemmt und bigotte Frömmigkeit jener Zeit. Dankbarkeit, weil in einer solchen Gemeinschaft eine kulturelle Förderung möglich war, die eine Familie selten geben kann.“

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