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Senat und Volk sind mir egal

STICH-WORT

26/05/21 Dieser Tage hatte in der Wiener Staatsoper Monteverdis L'Incoronazione di Poppea Premiere. Unser Leser Anton Holzapfel war drin – und er schreibt uns: „Trotz der Fülle von starken optischen und teils auch sängerischen Eindrücken sind Assoziationen zu Ihren jüngsten Glossen aufgefallen. Ob unser Herr Bundeskanzler die folgenden Dialoge wohl auf sich bezogen hätte?“

NEUNTE SZENE
Nero, Seneca

NERO
Ich habe mich also entschlossen,
Meister Seneca,
Octavia als Gattin
zu verstoßen
und Poppea zu heiraten.

SENECA
Mein Gebieter, selbst in den schönsten Plänen
verbirgt sich häufig ein Grund zur Reue.
Die Leidenschaft ist eine schlechte Ratgeberin,
sie hasst die Gesetze und verachtet die Vernunft.

NERO
Vernunft gebietet ein strenges Mass für den
Untergebenen, aber nicht für den, der Befehle gibt.

SENECA
Im Gegenteil, unvernünftige Befehle
untergraben den Gehorsam.

NERO
Keine Belehrungen! Ich werde tun, was ich will.

SENECA
Verärgere nicht Volk und Senat.

NERO
Senat und Volk sind mir egal.

SENECA
Denk an dich selbst und deinen guten Namen.

NERO
Verleumdern reisse ich die Zunge heraus.

SENECA
Je stummer du sie machst, desto mehr reden sie.

NERO
Octavia ist frigide und unfruchtbar.

SENECA
Wer keine Gründe hat, sucht nach Ausflüchten.

NERO
Wer die Mittel hat, kann Gründe vortäuschen.

SENECA
Aber kein gutes Ende nach ungerechter Tat.

NERO
Das Recht ist immer auf der Seite der Macht.

SENECA
Der unfähige Herrscher hat beschränkte Macht.

NERO
Gewalt ist das Gesetz im Frieden …

SENECA
Gewalt erzeugt Hass …

NERO
... wie das Schwert im Krieg, …

SENECA
… und gibt böses Blut.

NERO
..und Vernunft ist nicht vonnöten.

SENECA
Die Vernunft regiert die Menschen und die Götter.

NERO
Ich verliere meine Geduld mit dir. Was du auch sagst,
und ungeachtet des Volkes, des Senats
und Octavias, des Himmels und der Hölle,
gleichgültig, ob recht oder unrecht:
Poppea soll heute meine Frau werden.

SENECA
Das schlechteste Argument muss siegen,
sobald die Macht mit der Vernunft kämpft.

Monteverdis Oper L'Incoronazione di Poppea ist 1642 uraufgeführt worden. Der Librettist war der italienische Jurist und Dichter Giovanni Francesco Busenello (1598-1659). Zeitweise war er auch venezianischer Botschafter in Mantua, also mit den Niederungen einer gar nicht zimperlichen Tagespolitik wohl vertraut. In Venedig war er Mitglied mehrerer literarischer Akademien, den Umoristi, Imperfetti … aber jetzt hören wir auf, bevor uns noch eine Glosse einfällt.

„L'Incoronazione di Poppea“ in der Wiener Staatsoper – www.wiener-staatsoper.at
Zu den Glossen im DrehPunktKultur
Stelze und fette Oper? und Prioritäten

 

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