Spiel mir das Lied vom Ich

GRAZ / PEER GYNT

18/02/11 „Das Schicksal und ich, wir haben uns überworfen“, sagt Peer Gynt in einer der ersten Szenen: trotzig, zu diesem Zeitpunkt noch uneinsichtig, und – ganz so wie in jungen und mittleren Jahren – allzeit bereit zum hemmungslosen Schwadronnieren.

Von Reinhard Kriechbaum

Dabei ist in der Lesart von Ingo Berk im Grazer Schauspielhaus schon in der ersten Szene klar, dass es sich aus-fabuliert hat, dass die Begegnung mit dem Knopfgießer, die Aussicht auf das Ende der irdischen Existenz bald nicht mehr auf sich warten lassen. Der deutsche Regisseur hat, durchaus naheliegend, die Rolle des nordischen Egomanen auf drei Personen unterschiedlichen Alters aufgeteilt und obendrein die Aktfolge aufgebrochen. Keine Spur mehr von Ibsens Erzähl-Chronologie, dafür der Versuch, egozentrische Verhaltensmuster herauszuschälen. Das ist nicht gerade kurzweilig, lohnt aber die Mühe.

Die drei Peers sind zumeist gleichzeitig auf der Bühne, beäugen sich selbst in unterschiedlichen Lebensphasen, aber zyklisch wiederkehrenden Situationen. Solveig, Ingrid, Anitra, und wie sie alle heißen: Peer wird doch nie einen Zentimeter von der Ich-Bezogenheit abweichen. Er wird sich aus brenzligen Situationen grandios-wortreich hinausstehlen, seien seine Gegenspieler nun die vertrauten Dörfler daheim, die anders-weltige Trollgesellschaft oder jene Gruppe von Business-Yuppies, vor denen Peer Gynt in Marokko den erfolgreichen Wirtschaftsmenschen spielt. Dieser „mittlere“ Peer – Sebastian Reiß spielt ihn in Graz – ist der uns und unserer Zeit am nächsten stehende. Die personifizierte Ich-AG. Einer, der sogar nach dem Verlust seines materiellen Habes in der Wüste ein Land „Gyntiana“ mit der Hauptstadt „Peerepolis“ zu bauen beginnt, wie ein Kleinkind im Sandkasten.

Das Ego als Lebensprogramm, und trotzdem muss er sich fragen lassen: „Ich bin ich selbst – kannst Du das auch von Dir behaupten?“ Was der junge Peer (Claudius Körber) als ein unbekümmertes Springinkerl mit allem Temperament und Lausbuben-Charme ausgelebt hat, wird sich beim mittleren Peer, in den zweit- oder gar drittbesten Jahren in Richtung Starrsinn mit tragischen Zügen gewandelt haben. Im Irrenhaus von Kairo wird er sich selbst vor-dozieren: „Du bist und bleibst Peer Gynt. Ägypter auf der Basis Peer Gynts.“ Der alte Peer ist Gerhard Balluch, der den Flachmann griffbereit hat, sorgenvoll seine jungen Egos betrachtet und tendenziell bedeutungsvolle Sätze absondert.

Das alles ist von Regisseur Ingo Berk in so schlichte wie einprägsame Szenerien gebannt. Das Innere eines Schiffsrumpfs könnte die Bühne sein, bedrohlich überhängende dunkle Planken (Bühnenbild: Damian Hitz). Der Deckel eines Sargs (dem einzigen durchgehenden Ausstattungsstück) wird in einer Szene umfunktioniert zum Rettungsboot und mutiert auch zum Jenseits-Vehikel für die sterbende Aase. Aus dem Unterboden kommt eine kleine Box, Solveigs Haus. Dort altert die brave Jungfer hinter einem Plastikvorhang vor sich hin. Den drei Peers steht ein Ensemble von sieben Leuten gegenüber, sie übernehmen die unzähligen weiteren Rollen. Charismatisch Steffi Krautz als Aase und dann als Knopfgießer (eine Szene übrigens, in der Ingo Berk eine etwas aufdringliche Jedermann-Diktion nicht vermeiden kann). Dankbar die Rollenspiele von Claire Vivianne Sobottke, die die jungen Frauen en bloc übernimmt. Solveig ist die fast zu aufdringlich auf unschuldiges Mädchen getrimmte Katharina Klar, die alte Solveig ist Gerti Pall, die dann sagt: „Mein Leben hast Du mir zu einem schönen Lied gemacht“

Das sprachlich schöne Lied: Es gewinnt einige Spannung aus der Kombination der Textfassung von Peter Stein und Botho Strauß und jener von Christian Morgenstern, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn Peer sich wieder einmal aus der Realität hinausdichtet.

Aufführungen bis 18. März - www.buehnen-graz.com/schauspielhaus
Bilder: Bühnen Graz / Peter Manninger