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Fremd in dieser Welt

GRAZ / MUSICAL / EIN HAUCH VON VENUS

22/12/22 Den Satz „Speak low, if you speak love“ ist nicht dem Songtext-Schreiber Ogden Nash eingefallen, sondern dem Komponisten Kurt Weill. Streng genommen auch ihm nicht, sondern über dreihundert Jahre zuvor Shakespeare (in Viel Lärm um nichts). Weill hat den Satz hinein reklamiert in sein Broadway-Musical Ein Hauch von Venus, das jetzt in der Grazer Oper seine Österreichische Erstaufführung erlebt.

Von Reinhard Kriechbaum

Ein Hauch von Pygmalion, wenn es auch kein Bildhauer ist, der eine gelungene Damen-Statue zum Leben erweckt, sondern ein Friseur-Lehrling. Der steckt aus Jux und Tollerei einer antiken Venus-Figur seinen Verlobungsring an den Finger, worauf diese prompt heißes Blut in die Adern kriegt. Dass sie, die es im Mythos eher mit testosteron-schwangeren Helden zu tun hatte, ihre ganze Liebe jetzt auf ihren Erwecker richtet, einen eher z'niachtigen Burschen, ist eine Pikanterie des Plots.

Weil dieser Glückliche nicht sogleich aufspringt auf die Avancen der Göttin, findet sich diese erst im falschen Film. Sie fühlt sich „fremd in dieser Welt“ – auch das einer der Schlager in diesem Musical, so wie eben „Sprich leise, wenn du von Liebe sprichst“. Die Liebe zwischen den beiden kommt dann doch in die Gänge. Aber wenn der arglose Bursche seiner Geliebten vorschwärmt, wie das sein wird nach zehn Jahren Ehe im kleinbürgerlichen Milieu, bekommt die göttliche Dame kalte Füße. Doch besser Statue im Museum als American Housewife! Zum armen Rodney passt ein Mädchen von seinesgleichen Art viel besser.

Kurt Weill (1900-1950) im Exil. Das ist ein ganz anderer als jener der Dreigroschenoper oder vom Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. Nun war er ganz zum Neuweltler mutiert, hatte den Jazz und lateinamerikanische Rhythmen im Ohr. Aber mit dem Jazzbesen hat er sein musikalisches Gedächtnis nur halb ausgefegt, da war auch noch die Erinnerung an die Berliner Luft, Luft, Luft und ihre seichten Revuen. A touch of Venus, 1943 in New York uraufgeführt und mit 567 Aufführungen Weills größter Broadway-Erfolg, lebt musikalisch von dieser Spannung. Es sei „das beste Musical, das Cole Porter nicht geschrieben hat“, so ein Musikologe, aber das ist nur die halbe musikalische Wahrheit: Die Durchdringung der Stile, die hinter dem Swing hervorbrechende Walzerseligkeit machen den Reiz aus, vor allem in den ausufernden Ballettmusiken. Ob man die Form als solche goutiert oder entnervt zur Pause die Grazer Oper verlässt (was auch einige taten in der von uns besuchten zweiten Vorstellung), ist Sache der Geschmackstoleranz und des Durchhaltevermögens. Aber es ist gut, dieses Stück und vor allem seine Musik kennen gelernt zu haben – auch wenn's ein Mal im Leben reicht.

In den USA wurde das Erfolgswerk bald vergessen und in die Alte Welt hat es sich erst spät durchgesprochen. Die europäische Erstaufführung fand erst 1994 in Meiningen statt. In Graz nutzt man eine Übersetzung von Roman Hinze aus dem Jahr 2019 für eine Aufführung der Staatsoperette Dresden. Sie ist im Detail ur-witzig, aber Feministinnen stehen mit Sicherheit die Haare zu Berge.

Das Museums-Ambiente, in das Magdalena Fuchsberger (Regie) und Monika Biegler (Bühnenbild) diese Story in Graz stellen, ist höchst anregend. Man kann den Verschnitt aus Museum, Kunstvermittlungsanstalt und Volkshochschule für Bildhauern und Aktzeichnen auch als Postmoderne-Parodie lesen. Wer genau schaut (was in der optischen Überfülle so leicht nicht fällt), findet ironische Bezüge zur Entstehungszeit des Werks genau so wie zur Gegenwart.

Markus Merkel kitzelt aus dem Grazer Philharmonischen Orchester viel idiomatischen Sound heraus, das ist das Grundkapital dieser Aufführung. Merkel hat die Sängerinnen und Sänger zu einer Broadway-würdigen Truppe geschweißt. Ein Sonder-Kompliment für solche kapellmeisterliche Umsicht! Sie alle also haben ein Singen drauf fernab von operettigem oder gar opernhaftem Touch. Ein wohl artikulierter Sprech-Gesang, wo's Not tut. Wo erforderlich aber dann sehr wohl lyrische Kantilenen und ordentlich leuchtende Spitzentöne. Dionne Wudu ist als erste zu nennen, eine Venus, die bei jedem Auftritt in einem neuen, extravaganten Kleid steckt. Christof Messner ist Rodney, der zur Göttin kommt wie die Jungfrau zum Kind: Aus dem verlegenen Burschen wird ein selbstbewusster junger Mann, eine liebenswürdige Charakterzeichnung. Ivan Oreščanin ist der bizarre Kunstsammler, der alte Kunst vehement ablehnt und zugleich auf die antike Venus-Statue abfährt (gleicht sie doch einer Verflossenen), Monika Staszak seine Sekretärin. Diese Figuren sind von der Regie gut gezeichnet und in eine anregend-parodistische Choreographie eingefügt: Da zitiert sich Alexander Novikov erfindungsreich durch zwischen Hausfrauen-Schürzchen, GI-Charme und Berlinerischem oder New Yorker Revue-Gestus. All das kann man sehr mögen – oder auch gar nicht: Ein Hauch von Venus ist eben wie die Titelfigur fremd in dieser, unserer Welt.

Aufführungen bis 30. März 2023 in der Grazer Oper 
Bilder: Grazer Oper / Werner Kmetitsch

 

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