asdf
 

Unter dem Spinnaker

REST DER WELT / ERL / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

19/07/10 „Der fliegende Holländer“: Gustav Kuhns weiterer Baustein an seinem Richard Wagner-Zyklus bei den Tiroler Festspielen in Erl geriet am Samstag (17. 7.) zum allseits umjubelten Triumph.

Von Horst Reischenböck

altÄhnlich einst Herbert von Karajan zu Ostern in Salzburg will sich Kuhn nach den großen Brocken „Parsifal“, dem „Ring“-Zyklus, „Tristan“ und „Meistersinger“ nun bis 2012 der frühen Opern-Trias widmen. Wie jener ist auch Kuhn begeisterter Segler, dem Vernehmen nach übrigens in der „Flying Dutchman“-Klasse. Das lässt ihn seine Regie-Sicht des romantisch überhöhten Erlösungsdramas unverkrampft in die Jetztzeit transferieren. Ausgenommen die Titelfigur, die ihre Aufwartung im 2. Aufzug dann im Gehrock à la Wagner absolviert.

Vorerst einmal treten Dalands Skipper in rotem Ölzeug auf, nach ihrer Rückkehr an Norwegens Strand in durch Lenka Radecky modisch großkarierten Sakkos. Wie immer durchschlagskräftig die Männer der Chorakademie der Tiroler Festspiele. Als Holländer-Mannschaft zerfetzen sie geradezu die positive Feststimmung.

Optisch effektvoll: das Entfalten der 100 Quadratmeter-Fläche des von Hubert Raudaschl gebauten Spinnaker-Segels zum ersten Erscheinen ihres ruhelosen Chefs. Das lässt auch eine „hauseigene“ Fledermaus zu verstörtem Flug erwachen. In Kammerchor-Besetzung setzen sich junge Damen an altTischchen mit eher an Nähmaschinen gemahnenden Apparaten, gleichwohl nicht so „industrialisiert“ wie einst am Bodensee. Nach der freudigen Kunde von der Rückkehr ihrer Matrosen entledigen sie sich keck die Hüften schwingend ihrer blauen Arbeitmäntel.

Die Solopartien sind wohl auch wegen der terminlich weit auseinander gezogenen  Wiederholungen mehrfach besetzt. Diesmal „befehligte“ die Russin Ekaterina Sergeeva die Spinnerinnen. Sie wirkt jugendlich nicht nur vom Timbre her und ist deshalb vom Alter wie Aussehen her nicht wirklich dazu angetan, Sentas Amme zu verkörpern. Anna-Katharina Behnke, längst international in Wagner-Fächern heimisch, stieg kraftvoll in den Erzählton ihrer Ballade ein und sie beeindruckte auch später durch sichere Höhen und dynamische Differenzierung.

Mit Andreas Schlagers war der Steuermann ebenso opulent besetzt, wie der als Erik sich auf Senta Hoffnung machende Mexikaner Luis Chapa. Ein eindrucksvolles altDebüt - passend auch insofern, als zur Entstehungszeit des Werks noch keinen deutschen Wagner-Tenor gab.

Auch heute noch soll es in gewissen gesellschaftlichen Kreisen nicht so ungewöhnlich sein, dass Ehen mit merkantilen Hintergründen eingefädelt werden. Chinese Liang Li besitzt schon längst Hausvorteil in Erl. Als profitgierig die Hände reibender Vater Daland beeindruckte sein profunder Bass erneut. Genauso wie Oskar Hillebrandt ausdrucksstark den vom Schotten Donald zum Holländer Mutierten gestaltete, den er auch schon in Bregenz erprobte.

Was wollte man mehr? Zumal Gustav Kuhn zwar vorerst die noch an Rossini orientierte Ouvertüre eher zügig durchmaß, danach aber allen Beteiligten entsprechend Raum zur vokalen Entfaltung gab, schlüssig und ohne Rubati zu bemühen. Das wie stets international durchmischte, groß besetzte Orchester folgte willig, nur bei den Hörnen musste man (wohl auch temperaturbedingt) geringfügige Einbußen in Kauf nehmen.

Die Tiroler Festspiele Erl dauern bis 1. August. "Der Fliegende Holländer" ist noch am 23. Juli und 1, August zu sehen. - www.tiroler-festspiele.at
Bilder: Tiroler festspiele Erl / Tom Benz-Hauk

 

DrehPunktKultur - Die Salzburger Kulturzeitung im Internet ©2014