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Klangwolke über Südostbayern

BAD REICHENHALL / ORCHESTERJUBILÄUM

26/07/18 Wieder mal gibt’s eine Klangwolke in der Nachbarschaft: „Der Thumsee brennt“. Nach der obligaten Gewitterverschiebung tut er das laut hoffnungsvoller Voraussicht der Wetterfrösche am kommenden Samstag (28.7.). Beim Open Air der Bad Reichenhaller Philharmoniker heuer darf man daran erinnern, dass dieses Orchester stolze 150 Jahre alt ist.

Von Reinhard Kriechbaum

Zum Jubiläums-Anlass ist ein Buch erschienen, das erstens attraktiv aufgemacht ist und sich auch zu lesen lohnt. Schon deshalb, weil es alles andere als selbstverständlich ist, dass es dieses Orchester im Südöst-Zipfel Deutschlands überhaupt – und überhaupt noch gibt. „Bewegter und spannender könnte Orchestergeschichte kaum sein“, schreibt die Autorin Dorothea Bieler (die sonst fürs Mozarteumorchester Salzburg werkt) im Klappentext. So bewegt ist sie, weil das Auf und Ab jener, die in Bad Reichenhall musizierten, immer unmittelbar an den Kurbetrieb gebunden waren und bis heute sind. Die attraktiven Konzerträume im Kurort, der Saal im Königlichen Kurhaus und die Konzertrotunde, spiegeln die Blüte im Fin de siècle. In den Zeitläuften haben sich Zahlkraft und Frequenz der Kurgäste in der Art einer Hochschaubahn bewegt, und immer wieder wurde die Frage gestellt, wie viel denn ein Kurorchester in Zeiten der Regression kosten dürfe.

Das Buch „Klangwolke über Südostbayern“ beschreibt also nicht nur freundliche Schäfchenwolken, sondern auch ziemlich schwarzes Gebräu. Im Gründungsjahr 1868 war der erste musikalische Leiter Josef Gung'l stolz, den Geldgebern die Möglichkeiten für eine 18-Mann-Besetzung abzuringen. Auch in Bädern wie Kissingen, Franzensbad, Ischl und Teplitz sei dies das Maß, argumentierte er. Nach einem Sommer waren's schon 21 Musiker. Heute sind es deren 42.

In dem Buch sind in kurzen prägnanten Kapiteln Geschichte und Gegenwart verknüpft. Letztere ist ja auch aufschlussreich, denn die Grätsche zwischen symphonischem Orchester mit Abonnementbetrieb und Kurorchester – eine rechte Mühle für die Musikerinnen und Musiker – gilt es ja andauernd zu nehmen. „Kurmusik war und ist Crossover, denn sie schließt sämtliche Musikgattungen ein“, wird der derzeitige Chefdirigent Christian Simonis zitiert. Kurgäste, so Simonis, spitz(t)en ihre Ohren durchaus auch in Richtung neuer Strömungen. Musical und Filmmusik tauchen in den Programmen also ebenso auf wie Walzer und Operettenmelodien. Die Abwechslung sei sozusagen betriebs-immanent wie die drei Minuten Pause zwischen den Stücken in den Kurkonzerten. „Pausen dienen dem Ausatmen, dem inneren Nachklingenlassen, dem Sicheinstellen auf das nächste Werk oder einem Wortwechsel mit dem Nachbarn über das gemeinsam Erlebte, Gehörte. Konzerte sind ja auch Treffpunkte.“ So Simonis als einer, der seine Kundschaft kennt.

Der ehemalige Wiener Sängerknabe Christian Simonis ist seit 2015 übrigens schon zum zweiten Mal Chefdirigent in Bad Reichenhall. Schon als 29jähriger war er dort 1985 zum Orchesterchef gekürt worden und blieb es damals bis 1990. Er initiierte 1988 ein erstes Dirigentenseminar in Zusammenarbeit mit der Münchner Musikhochschule. Auch mancher Dirigier-Eleve am Mozarteum hat bei den Bad Reichenhaller Philharmonikern das Walzer-Dirigieren eingeübt.

1924 hat sogar Clemens Krauss das Orchester dirigiert, zum 60. Geburtstag von Richard Strauss. Das „Philharmonische“ führt das Ensemble seit 1949 im Namen.

So manches „Schmankerl“ findet sich im Buch: 1928 wurde die Predigtstuhlbahn eröffnet, heute die denkmalgeschützte älteste Großkabinenbahn der Welt. 1929 wurde ein Stummfilm darüber gedreht. Als man diesen wieder aus dem Archiv holte und restaurierte, kam auch das Reichenhaller Orchester zum Zug, um den aktuellen Soundtrack einzuspielen. Der Filmmusikkomponist Frank Strobel konnte sich aus einschlägigem Fundus bedienen: Stücken aus der Zwischenkriegszeit mit Titeln wie „Berge im Sonnenschein“ oder „Ferienfreuden in Bad Reichenhall“.

Mit den Ferienfreuden war es dann für viele Menschen vorbei, als die deutschen Sozialversicherungen ihre Beiträge fürs Kuren Mitte der 1990er Jahre radikal zurückschraubten. Das war dann eine von vielen – heute überwundenen – Orchesterkrisen. In Deutschland jedenfalls halten die Bad Reichenhaller Philharmoniker als Letzte das Kurorchesterfähnlein hoch, und das ist gut so.

Dorothea Bieler: Klangwolke über Südostbayern. Eine bewegte Orchestergeschichte in Episoden.
„Der Thumsee brennt“: 28.7., 20 Uhr (ab 18 Uhr kostenlose Shuttle-Busse vom Bad Reichenhaller Festplatz und von der Nonner Straße, Kaserne) – www.bad-reichenhaller-philharmonie.de
Bilder: Bad Reichenhaller Philharmoniker

 

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