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Wenig Atmosphäre, starkes Finale

REST DER WELT / MÜNCHEN / SIMONE BOCCANEGRA

04/06/13 Die Bayerische Staatsoper übernimmt eine vor zwei Jahren an der English National Opera herausgekommene Inszenierung von Dmitri Tcherniakov, die beim Publikum zum großen Teil auf Zustimmung stößt.

Von Oliver Schneider

Eine gewichtige Parallele gab es in den letzten Tagen zwischen den beiden Musikzentren Wien und München (nicht nur das Wetter): Bertrand de Billy arbeitete da und dort. Nachdem er sich am Sonntagabend im Haus am Ring bei der letzten Aufführung einer „Carmen-Serie“ mit dem Staatsopernorchester voll ins Zeug geworfen hatte (El?na Garanca und Roberto Alagna in Bestform waren ein Traumpaar) stand am Montagabend in München ein später Verdi in seinem Terminkalender. Dort fand die Premiere des für München neuen „Simone Boccanegra“ in der Zweitfassung aus dem Jahr 1881 statt. Es handelt sich um eine Übernahme einer 2011 an der English National Opera erstmalig gezeigten Produktion.

Ob de Billy möglicherweise unter den Strapazen erschwerter Reisebedingungen an diesem Tag litt, jedenfalls gewann man den Eindruck, dass er bis zur Pause Mühe hatte, sich auf Verdi einzulassen. Das Bayerische Staatsorchester intonierte grob und einförmig und vor allem ohne inneres Feuer und oft viel zu laut. Das änderte sich zumindest teilweise nach der Pause. De Billy ließ den Orchesterpart nun stärker in seinem Farbenreichtum aufblühen, differenzierte deutlicher in der Lautstärke und modulierte insgesamt einen runderen, geschmeidigeren Gesamtklang.

Auch Željko Lu?i? in der Titelrolle sang sich erst im Laufe des Abends frei. Vor allem im Schlussakt zeigt er, dass er mit seinem dramatischen Bariton auch im lyrisch-expressiven Bereich die Farb- und Phrasierungsnuancen auszuloten weiß, während er bis dahin oft seine stimmliche Autorität kraftvoll beweisen muss.

Vitalij Kowaljow gibt seinen adeligen Gegenspieler Jacopo Fiesco mit üppigem und kultiviertem Timbre. Krist?ne Opolais hat für die aus persönlichen Gründen vom Engagement zurückgetretene Krassimira Stoyanova die Partie von Simones Tochter und Fiescos Enkelin Amelia übernommen. So sehr sie einmal mehr darstellerisch überzeugt – von der Szene wird weiter unten noch die Rede sein – und so sehr ihr Sopran auch zu leuchten vermag, man vermisst in ihrem Vortrag die nötige Wärme. Zudem gerät sie in der Höhe zuweilen an ihre Grenzen (2. Akt, 6. Szene).

Auch Stefano Secco in der undankbaren Rolle ihres Geliebten Gabriele Adorno müht sich in dieser Szene ab, gefällt aber ansonsten mit seinem tenoralen Schmelz und immer wieder schönen Kantilenen. Verlässlich, aber unauffällig ist Levente Molnár als Jago-Vorfahre Paolo Albiani, die Chorpassagen sind bei den von Sören Eckhoff einstudierten Chören des Hauses gut aufgehoben.

Regisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov richtet den Fokus ganz auf das Scheitern des vom Freibeuter zum Dogen von Genua aufgestiegenen Simone Boccanegra und bemüht sich redlich, das Beste aus dem dramaturgisch nicht ganz einfachen Libretto herauszuholen. In einer wohl englischen Stadt (Rechtssteuerung des Autos auf der Bühne!) mit verrauchter Bar in den fünfziger Jahren wird Simone auf der Piazza Fiesco zum Dogen – oder was auch immer – ausgerufen, während er gleichzeitig vom Tod seiner Geliebten Maria erfährt. Maria ist die Tochter Fiescos, der wiederum Anführer der adeligen Gegenpartei ist.

Die Bühne im Prolog, für die Edward Hopper Pate stand, wird im Laufe des Abends zum Erinnerungsanker, indem sie im Hause Grimaldi im Kleinformat an der Wand hängt und unter anderem zwischen den Szenen immer wieder eingeblendet wird. Mittlerweile sind 25 Jahre verstrichen.

Ab der zweiten Szene des zweiten Akts spielen sich die Geschehnisse in einem grauen Konferenzsaal ab. Was sich zwischen den Akten und Szenen alles ereignet, kann man in Texteinblendungen lesen. Das mag auf den ersten Blick als eine inszenatorische Kapitulation erscheinen, ist aber wohl das Sinnvollste, was ein Regisseur bei diesem Werk machen kann. Nicht jeder liest die Inhaltsangabe vor Beginn der Vorstellung. Woran die Inszenierung bis zur Pause krankt, ist die nur bruchstückhaft vorhandene Personenregie. Ungewöhnlich für Tcherniakov. Neunzig atmosphärenlose Minuten plätschern dahin. Wirklich packend ist aber der Schlussakt, in dem sich Boccanegra eingestehen muss, dass er die Weichen in seinem Leben irreversibel falsch gestellt hat. Ihm bleibt nur der Tod, in München geht er einfach von der Bühne ab. Da will auch Amelia Gabriele nicht mehr heiraten, den Fiesco zum neuen Dogen ausruft. Eine starke, versöhnliche Schlussszene. Schade ist nur, dass Simone sich ein Papierschiffchen auf den Kopf setzen muss.

Simone Boccanegra – weitere Aufführungen am 6., 9., 12. und 15. Juni sowie am 12. Juli - www.staatsoper.de

 

 

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