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Der rasende Roland im „Herz-Kino“

MÜNCHEN / OPERNFESTSPIELE / ORLANDO PALADINO

25/07/18 Axel Ranisch zeigt mit Hilfe einer Rahmenhandlung in einem Programmkino, wie viel Joseph Haydns „Orlando Paladino“ mit uns heute zu tun hat. Ivor Bolton führt das Münchner Kammerorchester und ein junges Ensemble mit Verve durch den kurzweiligen Abend im Prinzregententheater.

Von Oliver Schneider

Das russische Großfürstenpaar hatte sich 1782 für einen Besuch auf Schloss Esterháza angekündigt, sodass Kapellmeister Haydn flugs auf Geheiß seines Dienstgebers Fürst Nikolaus eine neue Oper komponieren musste. Das hohe Paar änderte dann allerdings seine Reisepläne, sodass die Uraufführung am Namenstag des Fürsten stattfand. Haydn nennt das Werk, das auf einer Episode aus „Orlando furioso“ beruht, ein heroisch-komisches Drama, und das ist es in jeder Beziehung. Anstatt gegen die Ungläubigen zu kämpfen, jagt Orlando Angelica und vor allem ihren Geliebten Medoro, weil er selbst in Angelica verliebt ist. Deren Schutz hat sich der zweite Kriegsheld, Rodomonte, der König der Berberei, verschrieben, der alles daransetzt, mit Orlando zu kämpfen. Nach Eingriffen der Zauberin Alcina wird Orlando schließlich seine Liebe zu Angelica vergessen.

Der junge, vor Ideen sprühende Film- und TV-Regisseur Axel Ranisch, der bereits zum dritten Mal bei den Opernfestspielen zu Gast ist, war eine gute Wahl für die Regie. Er bettet die märchenhaften Geschehnisse in eine Rahmenhandlung ein, wobei sich rasch zeigt, dass beides miteinander verschwimmt. Schuld daran sind die menschlichen Gefühle. Zu den Klängen der spritzig und ein bisschen derb musizierten Ouvertüre tritt der Besucher ins Programmkino von Gabi und Heiko Herz (Gabi Herz, Heiko Pinkowski) ein. Ein verstaubtes Kino, wie es Anna Viebrock nicht treffender hätte gestalten können (Bühne und Kostüme: Falko Herold), in dem seit Jahren „Medoro und Angelica“ für ein paar wenige Zuschauer älteren Semesters läuft. Nicht nur das Kino, auch das Ehepaar Herz hat schon glücklichere Zeiten gesehen: Frau Herz hat längst eine Affäre mit dem Hausmeister Licone (Guy de Mey), während ihr Mann sich heimlich mit Kalenderbildern seines Filmidols Rodomonte befriedigt. Tochter Alcina, die für den Popcorn- und Getränkeverkauf verantwortlich ist, hat das alles längst durchschaut und quittiert es mit einem Lächeln.

Doch wie es mit Filmen so ist, wenn sie gut gemacht sind, berühren sie. Ein Kurzschluss im Filmprojektor führt dazu, dass die Vorführung abgebrochen wird und sich Filmhandlung und Realität anfangen zu mischen. Der Kinosaal wird zum Wald, wo sich Angelica und Medoro vor dem rasenden Roland verstecken. Ein Ort, an dem nicht nur die Protagonisten des Films, sondern auch Gabi, Heiko und ihre Mitarbeiter ihre Sehnsucht nach Liebe ausleben können. Mit seinem angebeteten Helden Rodomonte (mit metallischem Bariton Edwin Crossley-Mercer) vor Augen kann Heiko lockerer zu seiner Homosexualität stehen. Als Co-Regisseur versucht er, steuernd in die Handlung einzugreifen. Orlando (umherpolternd und stimmlich lyrisch glatt im Klang Mathias Vidal), den Heiko zu seinem Alter Ego macht, soll sich statt für Angelica für Rodomonte interessieren, was aber misslingt. Immerhin findet der „Director’s Cut“ im dritten Akt dann mehr Anklang bei Heikos Mitspielern, auch wenn er zu Orlandos Tod führt.

Alcina (mit dramatischer Attitüde Tara Erraught) sorgt mit Hilfe von Charon (sonor François Lis) für Orlandos Gehirnwäsche, sodass er Angelicas und Medoros Liebe endlich nicht mehr im Wege steht. Adela Zaharia ist mit ihrem edlen lyrischen Timbre eine ideale Besetzung für die Angelica, die sie als tragische Heldin zeichnet. Dovlet Nurgeldiyev als Medoro ist mit seinem schmiegsamen Tenor und seinem poetischen, weltfernen Spiel der passende Liebhaber für die ernste Frau.

Auch ein niederes Paar findet am Ende des Abends zueinander: Orlandos Knappe Pasquale, eine Mischung aus Papageno und Sancho Pansa, und Eurilla, die bei Familie Herz als Putzfrau arbeitet. Ins Herz-Kino kommt Pasquale als zerzauster Krieger, der sich nur noch eine Mahlzeit wünscht. Mit Popcorn kann das Haus in ausreichenden Mengen dienen. Doch der Mann gefällt Eurilla (noch) nicht (Elena Sancho Pereg soubrettenhaft schlank). Der ausgelaugte Kämpfer muss sich erst in einen smarten, jungen Mann im dunklen Anzug verwandeln, der in der Arie «Ecco il mio trillo» die Kunst des Geigenspiels virtuos parodiert. David Portillo überzeugt in der technisch brillanten Interpretation der Arie genauso wie im quirligen Spiel.

Ivor Bolton hat den immer mehr Sog ausübenden Gefühlsstrudel auf der Bühne vom Graben aus im Griff und führt das Münchner Kammerorchester in einer Mischung energiegeladener Unterstützung und Detailarbeit durch Haydns Partitur voller Überraschungen. In den Schlussjubel mischen sich wenige Buhs für das Regieteam.

Weitere Vorstellungen am 25., 27. und 29. Juli im Prinzregententheater – www.staatsoper.de
Bilder: Bayerische Staatsoper / Wilfried Hösl

 

 

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