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Viele Noten für bewegliche Buchstaben

SALZBURGER KAMMERCHOR / MENDELSSOHN

01/02/11 Schwer vorstellbar in unserer PISA-umwölkten Zeit, dass ein Gutenberg-Jubiläum Anlass für grandiose Kultur-Feiern sein könnte. Aber vielleicht gibt es ja Ähnliches dereinst für Wikipedia. 1840 jedenfalls waren 400 Jahre Druck in beweglichen Lettern zu feiern und Mendelssohn schrieb dazu (in der Buchhandelsmetropole Leipzig) seine „Lobgesang“-Symphonie.

Von Reinhard Kriechbaum

Irgendwie logisch, dass biblisches Zitatwerk zu diesem Anlass den Text hergeben musste – gelten doch die Gutenberg-Bibeln als die wesentlichsten Produkte aus der Inkunabel-Ära. Mendelssohn hat eine ausufernde, vielteilige geistliche Kantate kompiliert. Und weil damals im Kopf eines jedem ehrgeizigen symphonischen Jungspunds Beethovens „Neunte“ herumgeisterte, hat er gleich noch drei üppige Instrumentalsätze vorangestellt. Es wurden also gute siebzig Minuten Musik, die man freilich nicht mit der „Neunten“ zugleich auf die Wagschalen legen sollte.

Der Salzburger Kammerchor und das Universitätsorchester Salzburg haben sich – terminlich etwas unglücklich mitten in der Mozartwoche – den symphonischen Moloch vorgenommen. Für das Universitätsorchester (und die Zuhörer) war das ein bisserl eine Durststrecke, weil es halt Musik gibt, die Semi-Amateuren um etliche Schuhnummern zu groß ist. Mit Anstand hat Martin A. Fuchsberger aber ärgere Unglücksfälle vermieden. Erst mit dem ersten Choreinsatz kam man auf eine Stufe ernsthafter, dafür in dieser Phase wirklich überzeugender Gestaltung.

Der Salzburger Kammerchor hat in den letzten Jahren einige Chorleiterwechsel verkraften müssen, aber immer mit höchst kompetenten Chorerziehern arbeiten dürfen. Die Wortdeutlichkeit ist immer noch seine allergrößte Tugend, die Flexibilität im Umgang mit dem Text beispielgebend. Damit weiß auch der neue künstlerische Leiter Martin A. Fuchsberger (1980 in Salzburg geboren, in Wien zum Dirigenten ausgebildet) bestens umzugehen. Da kommen die Chor-Tableaus ohne jedes falsche Vibrato, punktgenau in der Gewichtung und eben immer „erzählerisch“, eloquent formuliert. Die wundersam homogene Männergruppe hatte man schon zuvor in der Psalm-Motette „Richte mich Gott“ bewundern können, und auch der tendenziell metallene, ja: stählerne Klang der Soprane gibt dem Ensemble derzeit eine sehr persönliche Klangnote.

Bemerkenswert die Begegnung mit dem aus Salzburg stammenden Tenor Sebastian Fuchsberger, der als Bläser Gründungsmitglied von „Mnozil Brass“ war. Dann hat er die Gesangslaufbahn eingeschlagen und singt nun in Leipzig Operette und Buffopartien: Seine große Szene „Stricke des Todes hatten uns umfangen“ in der Lobgesang-Symphonie hat einem als Zuhörer Schauer über den Rücken getrieben. Das war stimmlich imposant und gestalterisch intensiv. Simone Vierlinger – man kennt sie in Salzburg als Engel und dann Maria im Adventsingen – hat die Sopranpartie gelöst und schlicht gesungen. Barbara Brandl hat ihr im Duett „Ich harrete des Herrn“ intonationssauber assistiert.

Bild: www.kammerchorsalzburg.at

 

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