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Wehe, wenn sie losgelassen

JUGENDSINFONIEORCHESTER / PRE-COLLEGE

14/01/20 Als Salzburger Ereignis ist so eine Veranstaltung von spezifischem Charakter: Hier präsentiert sich die hiesige Kaderschmiede für die künftige Musikszene und legt das Netz zwischen Hoch- und Breitenkultur in der Bevölkerung aus: Das Jugendsinfonieorchester Salzburg am Pre-College der Universität Mozarteum unter Norbert Brandauer.

Von Erhard Petzel

Das Aufgebot an „orchestrierter Jugend“ ist immens. Und so flog dem zu-hörenden Anhang die unbändige Musizierlust nur so um die Ohren: Eltern, Angehörige, Lehrer und an Jugendarbeit Interessierte nahmen Anteil am Tun und Werden des adorierten Nachwuchses.

Diesen ködert Orchesterleiter Norbert Brandauer mit der Kraft der romantischen Phrase. Den Eingang zum Konzert am Montag (13.1.) im Großen Saal bildet Joseph Messners Symphonische Festmusik für Bläser, Pauken und Orgel op. 45a. Außer seiner Festspielfanfare wird Messner wohl nur mehr in lokalen Kirchenmusikkreisen präsent sein. Typisch für einen moderaten Neuerer seiner Zeit ist sein zwischen modaler und funktionaler Harmonik pendelnder Klanggestus in den Talar nationalkatholischer Spätromantik gekleidet. Stephan Pollheimer an der Orgel führt zunächst den Call, Response folgt im stattlichen Block der Blechbläser. Später begleitet die Orgel eine Arie der Hörner, die Pauken wirbeln den Abschluss des Teils, der nach Orgelsolo, Bläserchorälen in ausgedehnten Sequenzketten und Star-Wars würdigem Breitwandpathos annähernd seine Wiederholung feiert. Freilich sind die Festspielfanfaren würziger, weil kürzer. Dennoch ist es ein würdiges Verdienst, Altmeister hervorzukramen, wenn sie noch dazu zur Grundlage fulminanter Präsentation eines spezifischen Orchestersegments taugen.

Das Podium füllt sich anschließend mit einem beängstigend riesigen Orchesterapparat für Bachs Air aus BWV 1068. So wie früher, als die Alten noch jung waren, rauscht das Barocke auf im hochromantischen Schwellen mit sehnend gezogenen Fermaten - und wird damit zum angepassten Vorspiel für Dvořáks Achte. Hier schnalzt die ungestüme Begeisterung nur so in jugendlicher Musizierfreude – nicht nur im Furor der Pauken. Ganz nach dem Motto: „Wehe, wenn sie losgelassen.“

Phrasen und Aufschwünge gelingen saftig, das Duett zwischen Flöten und Tutti im Adagio federt geschmeidig.

Doch dort, wo die Phrase nicht unterstützend ans Ziel trägt, zeigen sich Trübungen in der Intonation namentlich im Holz. Jugend neigt noch dazu, in Erfüllung des Notenbildes die eigene zu finden. Die Bedeutung des Körpers und seiner gespannten wie gelockerten Bereitschaft, die vorbereitete Basis des zu erwartenden Ausdrucks bereitzustellen, wurde wohl noch nicht von allen ausreichend erfahren. Auch die Klarinetten harren noch der Beglückung beim Einhören in den gemeinsamen Klang. Die Geigen wiederum wären dankbar für die Hilfe des Dirigenten auf dem holprigen Weg in ihre Begleitphrase, gelänge den anderen doch das Schwelgen auch ohne diesen.

Die künstlerische Jugend verzeihe dem garstigen Rezensenten seine Nörgelei, aber ohne diese würde er seiner Aufgabe nicht gerecht. Und auf dem Fuße folgt das Kompliment für den grazilen Walzerschmelz im elegant musizierten Allegretto. Auch im Allegro erhebt sich wohlgefällig Tänzerisches zwischen inferiorem Trepak, der den Spaßfaktor offenbar macht, wenn es so richtig raffelt. Das Publikum provoziert eine Wiederholung der Explosion ins Finale als Draufgabe.

Wir als Salzburger Kulturgemeinde dürfen uns restlos freuen über die Initiative hinter dem Projekt des Pre-College der Universität Mozarteum, sich des Jugendsinfonieorchesters anzunehmen.

Noch höher wird die Freude ausfallen, wenn die Ausgabe der Eintrittskarten nicht zur menschlichen Foyer-Flutung führt und das Programmheft etwas aufschlussreichere Information anbietet. Das Publikum ist wissbegierig und weiß immerhin, dass man vormals hemmungslos und freudig zwischen den Sätzen geklatscht hat. Recht und weiter so!

Bild: UniMoz/Christian Schneider

 

 

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