Quantenmusik

INTERVIEW / AGUSTÍN CASTILLA-ÁVILA

26/06/19 „Small is beautiful“, Leopold Kohrs Ideal der Kleinheit ist das Motiv des bis zum 30. Juni stattfindenden Symposiums zu mikrotonaler Musik. Aus diesem Anlass sprach Didi Neidhart mit Agustín Castilla-Ávila, dem Komponisten und Präsidenten der Internationalen Gesellschaft für ekmelische Musik.

Didi Neidhart: Die Internationale Gesellschaft für Ekmelische Musik wurde 1981 von Franz Richter Herf und Rolf Maedel in Salzburg gegründet. Was war die Motivation dahinter?

Agustín Castilla-Ávila: Die von den beiden Professoren entwickelte ekmelische Musik hatte Salzburg zu einem neuen Zentrum mikrotonaler Musik werden lassen. So ergab sich die Notwendigkeit, künftige künstlerische und wissenschaftliche Aktivitäten in der Form einer Gesellschaft zu koordinieren. Ihrer Satzung gemäß fördert die Gesellschaft die Verbreitung der mikrotonalen Musik – insbesondere im 72-stufigen ekmelischen Tonsystem – durch die Veranstaltung von Konzerten, Vorträgen und Symposien sowie durch die Veröffentlichung und Drucklegung ekmelischer Kompositionen. Dazu gehört aber ebenso die Unterstützung der Forschungsarbeit zur Mikrotonalität und Ekmelik. Sie unterhält Verbindungen zu anderen Organisationen weltweit, die im Bereich der mikrotonalen Musik tätig sind.

Die Gesellschaft hat seit 1985 mehrere Symposien mitveranstaltet. So gab es einige Zusammenarbeiten mit dem Mozarteum, aber auch mit der Jahrhundertwende-Gesellschaft Heidelberg. Wir freuen uns riesig, dass durch unsere lange Arbeit Salzburg eines der wichtigsten Zentren für mikrotonale Musik geworden ist.

Didi Neidhart: Ekmelische Musik verwendet feinstufig organisierte Töne, die zwischen den zwölf Halbtonstufen unseres traditionellen temperierten Tonsystems und somit außerhalb unserer Hörgewohnheiten liegen. Was bedeutet eigentlich „mikrotonale Musik“? Geht es dabei um Vierteltonschritte wie in der indischen Musik?

Agustín Castilla-Ávila: Mikrotöne sind eigentlich jene Intervalle, die kleiner als ein Halbton sind: Viertelton, Sechstelton, Achtelton etc. In der klassischen Musik, also im temperierten System, ist die Oktave in zwölf gleiche Divisionen geteilt. Als Komponist schreibe ich oft im 36-EDO-System [equal divisions of the octave; Anm.]. Man muss also nicht gleichstufig stimmen. Als „reine Stimmung“ wird ein musikalisches Tonsystem bezeichnet, bei dem die Tonstufen Oktave, Quinte, Quarte und große Terz der verwendeten diatonischen Tonleiter genau entsprechend den Frequenzverhältnissen 2 : 1, 3 : 2, 4 : 3 bzw. 5 : 4 zum Grundton intoniert werden. In der pythagoreischen Stimmung des Mittelalters waren hingegen nur die Oktaven, Quinten und Quarten rein gestimmt. Franz Richter Herf und andere Komponisten aus unserer Gesellschaft haben das 72-stufige ekmelischen Tonsystem geliebt. Der Begriff „ekmelisch“ stammt aus der altgriechischen Musiktheorie: „ek mélos“ heißt übersetzt „außerhalb der Reihe“. Es wurden damit Töne bezeichnet, die im altgriechischen Tonsystem nicht enthalten waren. In der gleichen Bedeutung wird der Begriff heute verwendet: Ekmelische Musik verwendet feinstufig organisierte Töne, die zwischen den zwölf Halbtonstufen unseres traditionellen temperierten Tonsystems und somit außerhalb unserer Hörgewohnheiten liegen.

Didi Neidhart: Worin besteht der Reiz bzw. was ist die Herausforderung angesichts des 72-stufigen ekmelischen Tonsystems?

Agustín Castilla-Ávila: Im 72-EDO-System man hat die zwölf Töne, die man in der klassischen Musik hat, plus viele andere Töne. Die Impulse, um sie zu verwenden, ergeben sich daraus weiterzugehen, aber gleichzeitlich auch primitiver zu werden. Indische, türkische, balinesische, arabische und japanische Musiksysteme haben kleinere Intervalle. Als Komponist verwende ich persönlich das 36-EDO-System als eine Brücke zwischen den Volksmusiken aus verschiedenen Regionen der Welt und der zeitgenössischen Musik.

Didi Neidhart: Das Motto des heurigen Symposiums lautet „Small is beautiful“. Wie ist das zu verstehen?

Agustín Castilla-Ávila: Das Motto „Small is beautiful“, ein bekanntes Zitat des Philosophen Leopold Kohr, hat mit den kleineren Intervallen zu tun. Die drei letzten Symposien und die zwei Bücher dazu lauteten auch schon so.

Didi Neidhart: Kann unser Gehör, welches im europäischen Kontext ja vor allem durch wohltemperierte Tonleitern geprägt ist, überhaupt Mikrotöne wahrnehmen, also Tonunterschiede registrieren? Das Vortragsthema von Johannes Kotschy am 26. Juni 2019 lautet ja sicher nicht umsonst „Microtonal Music – Just Imagination?”

Agustín Castilla-Ávila: Der Abstand zwischen den einzelnen Tonstufen beträgt 16 ⅔ Cent, wobei ein Halbton 100 Cent entspricht. Dies ist für das Gehör noch differenzierbar, denn die Hörgrenze liegt bei etwa fünf bis acht Cent. In der klassischen Musik können viele Musikinstrumente sowie Sängerinnen und Sänger mikrotonale Abweichungen realisieren. Je besser das gelingt, als desto vollkommener wird der Zusammenklang empfunden. Der Vortrag von Johannes Kotschy wird sich spezifisch damit beschäftigen.

Didi Neidhart: Was für Vorträge wird es sonst noch beim Symposium geben?

Agustín Castilla-Ávila: Es gibt Vorträge über theoretische und historische Aspekte, über Volksmusik und klassische Musik, über eigene mikrotonale Ideen und über neue mikrotonale Instrumente.

Didi Neidhart: Mit Karlheinz Stockhausen und Harry Partch widmet sich das Symposium heuer zwei „Klassikern“ der zeitgenössischen Moderne des 20. Jahrhunderts. Was verbindet den Kalifornier mit dem Deutschen oder geht es eher um die Unterschiede zwischen beiden?

Agustín Castilla-Ávila: Karlheinz Stockhausen und Harry Partch haben magische Klangwelten kreiert. Am letzten Tag des Symposiums, am 30. Juni, werden die beiden großen Künstler präsentiert. Es geht mehr um die Unterschiede. Wir haben uns gedacht, dass das tonale Stück Stimmung von Stockhausen ganz gut zum Symposium passt. Tonale Systeme oder mikrotonale Systeme sind am Ende nur Geräte für die Komposition. Franz Richter Herf selbst hatte Werke in ekmelischer Musik und Werke im traditionellen Tonsystem verfasst.

Heuer wird es auch eine „mikrotonale Jamsession“ geben. Wie ist es zu dieser Idee gekommen?

Agustín Castilla-Ávila: Ich bin wegen Mikrotonalität oft unterwegs und ich kenne viele Künstlerinnen und Künstler auch persönlich. Viele sind sehr gut beim Improvisieren. Es wäre schade, wenn sich so viele gute Künstlerinnen und Künstler in Salzburg treffen und nicht die Gelegenheit zum gemeinsamen Spielen nutzen würden. Wir freuen uns alle sehr. Die Jamsession wird weniger akademisch sein, sie findet ganz locker im Café Shakespeare statt.

Didi Neidhart: Wie finanziert sich das Symposium eigentlich?

Agustín Castilla-Ávila: Wir haben von Land Salzburg, von der Stadt Salzburg und von der Universität Mozarteum Unterstützung bekommen. Auch von ConTempOhr aus Salzburg, dem Roger Shapiro Fund for New Music aus den USA und von Coneculta aus Mexiko. Aber auch den Mitgliedern der Gesellschaft gilt Dank für die große altruistische Arbeit für das Symposium.

Das Symposium findet bis zum 30. Juni in den Gebäuden der Universität Mozarteum statt - www.uni-mozarteum.at
Wir danken unserem Kooperationspartner Mica Austria. Das Interview von Didi Neidhart mit Agustín Castilla-Ávila ist auch nachzulesen auf - www.musicaustria.at
Bild: Music Austria