Mord im Abendkleid

MOZARTWOCHE / LES TALENS LYRIQUES / CHRISTOPHE ROUSSET

28/01/19 Judith eilt herbei, wirft ihr hähernes Gewand ab und die Designerrobe über – und macht sich auf, den Holofernes zu köpfen. Die Männer haben derweil wichtiges über Gott und die Welt zu bereden... Ein ziemlich cooler Stoff, den der fünfzehnjährige Mozart da vertont hat. Wunderschöne Musik, brillante Personenporträts in Noten. Formal halt noch dem Barock verwandt.

Von Heidemarie Klabacher

Geniert man sich des Jugendwerks? Klingt fast so. „Die Azione sacra Betulia liberata KV 118 gehört sicherlich nicht zu Mozarts bekanntesten Werken, im Gegenteil“, heißt es im Almanach. „Nachdem diese Komposition bereits zu Mozarts Lebzeiten wohl keine Aufführung erfuhr, änderte sich dies auch im Zuge der nachfolgenden Rezeption seines OEuvres nur langsam. Fast ausschließlich in Mozart-Gedenkjahren wurde diese Komposition in Konzertprogramme aufgenommen.“

Die Mozartwoche 2019 fällt, abgesehen davon, dass in Salzburg alle Jahre Mozartjahr ist, nicht direkt in ein „rundes“ Mozartjahr. Umso schöner, die Azione sacra Betulia liberata KV 118 nach vielen Jahren wieder einmal im Programm zu finden. Das Jugendwerk erfuhr am Sonntag (27.1.) im Haus für Mozart eine grundsätzlich brillante Aufführung durch Les Talens Lyriques unter Christophe Rousset. Allerdings konnten teils dramatische Spannungsabfälle, besonders einigen Langatmigkeiten im zweiten Teil geschuldet, nicht vermieden werden. Auch nicht von einem handverlesenen Sänger-Ensemble. In der Wiedergabe war die Luft draußen, wo tatsächlich wenig Luft im Werk ist. Das ist woh lauch der Grund für die Zurückhaltung gegen über KV 118.

Das Libretto von Metastasio ist an das biblische Buch Judith angelehnt: Die Stadt Betulia wird von den Assyrern unter dem Feldherrn Holofernes belagert. Man will sich grad ergeben, als Judith auf den Plan tritt. Die reiche Witwe lebt als Einsiedlerin sonst mönchisch in der Wüste. Sie kommt herbei und gibt Durchhalteparolen, predigt aber nicht nur – wie Ozìa, Fürst von Betulia – sondern wirft sich in Schale und zieht hinaus, den Holofernes zu köpfen. Von dieser Heldinnentat, die geschieht, derweil die Männer philosophieren, erfährt man nur im Rückblick. Dann wird noch ziemlich viel palavert und Gott gelobt. Genaueres kann man nicht sagen, weil die Stiftung am Text gespart und kein Libretto zur Verfügung gestellt hat. Auch kein Weg, das Werk seinem Publikum lieb zu machen.

Jedenfalls sang die Mezzosopranistin Delphine Galou die Partie der Judith/Giuditta mit der Grandezza einer alttestamentarischen Priesterin: keine Rächerin oder Ideologin, sondern eine Dame von Welt, die eine Situation ändert, wenn sie ihr nicht passt. Diese Souveränität legte Delphine Galou in jede Linie ihrer vielgestaltigen Partie. Mit Sandrine Piau in der Rolle der Amital stand eine Stichwortgeberin von Weltrang auf dem Podium im Haus für Mozart: Man kennt ihre energiegeladene Gestaltungskraft ihre stimmliche Wendigkeit und Expressivität. Ihre Arien waren Erdbeben am oberen Rand der Richterskala.

Das gesangliche Herzstück kam dennoch aus Trump-Land: Die amerikanische Barockexpertin Amanda Forsythe hatte mit der Partie der Cabri ebenfalls nur Stichworte und ein zwei betrachtende Arien zu singen: Sie gefiel mit ihrer strahlenden Stimme und mit ebenfalls virtuos eingesetzter perfekter Gesangstechnik. Sie brachte die Musik des jugendlichen Mozart mit weniger artifizieller Hochspannung, dafür mit mehr pulsierend bewegter Leichtigkeit zum Leben.

Der Tenor Pablo Bemsch sang - klangschön, aber mit Härten in der Höhe - die Partie des Ozìa: Besonders in dieser Partie kam es zu den dramatischen Spannungsausfällen, denen der Dirigent Christophe Rousset nicht gegenzusteuern konnte. Vielleicht redet er aber auch einfach zu viel, der Fürst von Betulia, und man sollte bei den raren Aufführungen des Berichts von der Befreiung seiner Stadt da und dort den Mut zum Strich aufbringen.

Der Bassist Markus Volpert sang die Partie eines Belagerers (Achior, falls es wer wissen muss), der sich zum Gott der Israeliten bekehrt: Diese profunde bewegliche und immer deutlich fokussierte tiefe Stimme war der wohltuende Kontrast zu den hohen Partien. Der Salzburger Bachchor hat mit den ohnehin wenigen Chor-Nummern solide und homogen wie immer, nur an Nebenschauplätzen zur Befreiung Betulias beigetragen.

Bilder: dpk-klaba