Ekstase pur auf allen Tasten

FESTSPIELE / SOLISTENKONZERT BUNIATISHVILI

22/08/19 Auf einen ekstatischen Tastentripp mit LSD-Anstrich entführte Khatia Buniatishvili in ihrem Solistenkonzert mittels der psychogenen Substanzen Schubert, Liszt und Strawinsky: Die Pianistin Khatia Buniatishvili und die unauslotbaren Grenzen des Möglichen auf dem Klavier.

Von Heidemarie Klabacher

Das schlichte einstimmige Grundmotiv des ersten der vier Schubert Impromptus D 899 kam aus einem pedalgefärbten nebligen Nivrana heraus, drehte Schleifen und schraubte sich, mit sanft angeschlagenen taummelnden Tönen, in Richtung klanglicher Ausnüchterung. Aber nur, um wieder in den schillernden Anfang zurückzusinken...

Kein Zugang zu Schubert, wie man ihn erwartet (und unbedingt öfter erleben muss), aber überzeugend in der stilistischen Konsequenz und technischen Brillanz, mit der die Pianistin diesen Psychotripp durchgezogen hat. War die Nr. 1 c-Moll ein traumverlorenes auf imaginärer Stelle Schweben, huschte die Nr. 2 Es-Dur im atemberaubend übersteuerten Tempo mit quasi knochenloser Fingerfertigkeit vorüber. Insgesamt kamen die Impromptus in der Lesart Buniatishvili daher als ein durchkomponiertes Gedicht ohne Konsonanten.

Eine deutliche Steigerung von Energie-Niveau und Tempo erzielte die Pianistin mit Franz Liszts Bearbeitung von drei Schubert-Liedern: Ständchen aus Schwanengesang, Gretchen am Spinnrade und – als virtuos galoppierender Höhepunkt und Steigerung in der Steigerung – Erlkönig: So deutlich Franz Liszt die Lied-Strukturen erhalten hat, so deutlich machte die Pianistin ihrerseits diese Strukturen trotz allen Rasens kenntlich. Staunenswert.

Ans Circensiche grenzt Franz Liszts Mazeppa aus den Études dʼexécution transcendante: Khatia Buniatishvili nutzte den Überlebens-Ritt des nackt auf sein Pferd gefesselten Edelmanns zum Brillieren, während sie die Ungarische Rhapsodie Nr. 6 Des-Dur mit ihren fordernden repetierten Tönen und den melodischen Momenten erstaunlich „erzählerisch“ und anschaulich anlegte: Da sah man doch tatsächlich gelegentlich Menschen friedlich über Heide und Steppen wandern oder auf Tanzböden fiebrig sich drehen. Wohingegen die Kapriolen der Holzpuppe in Igor Strawinskys Trois mouvements de Pétrouchka jedes noch so deftige Jahrmarktstreiben in einen reinen Höllentripp aus Tempo und Brutalität verwandeln: Khatia Buniatishvili fand immer noch höhere Energie-Levels und immer noch weitere Kraftreserven zur scheinbar spielerischen Bewältigung dieser Anforderungen der Superlative.

Bilder: SF / Marco Borelli