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So geht politische Kunst

MUSEUM DER MODERNE / WILLIAM KENTRIDGE / THICK TIME

28/07/17 Diktatoren auf ihrem Podium werden gezogen von Sklaven. Gefangene tragen ihren eigenen Käfig. Kriegsversehrte staksen auf Prothesen durch die sich verändernde Landschaft. Kranke mit Infusionsgalgen. Tanzende Medizinmänner. Ein Mönch. Ein Totentanz? Eine Anklage? Eine Hoffnung? Oder alles zugleich?

Von Heidemarie Klabacher

Bewegte Fotos? Bewegte Zeichnungen? Oder alles zugleich? Fünfzig Laufmeder überdimensionale Leinwände, einander überlappend aufgestellt, und ein „Umzug“, der den Betrachter kaum mehr aus seinem Bann lässt: Die Videoinstallation „More Sweetly Play the Dance“ ist das Herzstück der Ausstellung „William Kentridge. Thick Time. Installationen und Inszenierungen“ im Museum der Moderne Mönchsberg. Man sitzt davor, staunend, beklommen, fasziniert vom Detailreichtum.

Anderer Raum. Die dunkelhäutige Ballerina mit weißen Spitzenschuhen und grüner Uniform - Gewehr in der Hand - legt ein bizzarres Solo hin. Sie tanzt auf Landkarten ehemaliger Kolonien oder sonst wie geraubter, ausgebeuteter und unterdrückter Staaten: „Notes Towards a Model Opera“.

Nicht nur mit Gewehren wird Gewalt ausgeübt. Allein dass die europäischen Ausbeuter Berge, Seen, Flüsse, ja Länder neu benannt haben, war und ist ein Gewaltakt mittels Sprache... Ein Mann wandert durch die Seiten eines Wörterbuchs, Vogelschwärme, geometrische Figuren tauchen auf im Daumenkino-Film aus Zeichnungen auf einzelnen Seiten des Shorter Oxford English Dictionary: „Second Hand reading“.

Und immer wieder Umzüge, Aufmärsche. Und Landkarten. Auch gewebte Landkarten: Auf dem Wandteppich „Streets of The City“ zertritt ein schwarzer Gaul, der direkt aus der Johannes-Apokalypse herauszukommen scheint, eine Festung… Alte Karte, alter Kupferstich… Anschaulicher, sinnlich greifbar und zugleich beängstigender und anklagender kann politische Kunst nicht sein. Kolonialismus und Ausbeutung – hier wird’s anschauliches Ereignis.

Der südafrikanische Künstler William Kentridge, geboren 1955 in Johannesburg, inszeniert bei den Salzburger Festspielen Alban Bergs Oper „Wozzeck“. Aus diesem Anlass widmet das Museum der Moderne dem MultimediaArtist eine umfassende Schau. Auf dem Mönchsberg sind Multimedia-Installationen zu sehen und im Rupertinum werden erstmals Arbeiten für Theater und Oper gezeigt.

Auf der Ausstellungsebene 4 auf dem Mönchsberg sind sieben große Installationen aufgebaut, darunter zwei von Kentridges jüngsten Arbeiten„Notes Towards a Model Opera“ und “O Sentimental Machine“ beide aus 2015. Den größten Raum nimmt die fünfzig Meter Prozession von „More Sweetly Play the Dance“ ein.Im „Leseraum“ steht man staunend vor der gewebten Landkarte.

Die Ausstellung im Rupertinum gilt Kentridges Auseinandersetzung mit dem Theater und der Oper. Eine Installation aus schwarzen Papierfiguren, vom Künstler vor Ort entwickelt, führt durch das Atrium und zu den beiden Ausstellungsebenen. Gezeigt werdenPlakate, Zeichnungen, Entwürfe, Modelle und Kostüme, die seit den späten 1970er-Jahren für seine wichtigsten Produktionen entstanden sind. Der aktuellen Wozzeck-Inszenierung ist ein eigener Raum gewidmet und in der Franz-West-Lounge des Rupertinum steht dem Künstler ein Studio zur Verfügung, das zeitweise für das Publikum öffentlich zugänglich ist. „William Kentridges letzten Arbeitsschritten an seiner Inszenierung, die am 8. August 2017 Premiere feiert, kann dort nachgespürt werden.“

„William Kentridge. Thick Time. Installationen und Inszenierungen“ im Museum der Moderne Mönchsberg und Rupertinum – bis 5. November - www.museumdermoderne.at
Bilder: dpk-klaba

 

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